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Ungarische Jungliteraten im Netz

Die Sterne sind wohl gut gestanden, vor gut zwei Jahren, als am Deutschen Lehrstuhl der Technischen Universität Budapest ein Lehrender genau jene Lernenden traf, die sich über den Übersetzungsunterricht hinaus ausprobieren, neben Fachtexten auch an Literatur versuchen wollten.

Der bunte Haufen – eine Germanistin, eine Musikerin, eine Kunsthistorikerin, eine Technikerin, eine Wirtschaftlerin, ein österreichischer Hungarologe – war sich klar, daß es keinen Sinn hätte, die “großen“ ungarischen Literaten zu strapazieren. Man sah sich im Kreise der jungen Literaten um, die noch zu “klein“ sind, um im Ausland gehört zu werden, übersetzt zu werden, rechnen sie sich doch einfach nicht, obwohl sie genau das schreiben, was im deutschen Sprachraum so bitter fehlt: Geschichten.

Im deutschsprachigen Raum ist Literatur heute sehr oft Selbstzweck und erfüllt oft nicht mehr ihre ursprüngliche Aufgabe, nämlich zu unterhalten; sie ist Selbstzweck oder bloße Sprachspielerei und nicht Abenteuer im Kopf: Über Literatur, die auch gelesen wird, wird snobistisch die Nase gerümpft. Sie wird geschrieben, gedruckt und verkauft – und verstaubt dann im Regal.

In Ungarn hat sich in den letzten Jahren eine “neue Schule des Erzählens” etabliert, der viele junge Autoren angehören, die durchwegs die erzählerische Tradition der Zwischenkriegszeit wiederaufnehmen, dabei aber keinerlei Standesdünkel haben oder irgendwie politisch verfärbt wären. Vertreten ist in dieser Schule des Erzählens alles: vom harten, oft “phantastischen Realismus”, wie ihm Tamás Jónás anhängt, über Alltagsgeschichten von Ottó Kiss (der hart an der 40-Jahre Grenze schrammt, die in unserem Fall jung von alt scheidet), bis zum völlig Absurden, wie es András Cserna-Szabó vertritt.

Geschichten und Übersetzer; daraus entstand das Projekt, das ein ganz und gar freiwilliges ist – keiner verlangt und bekommt dafür Geld: literatur.hu.

Diese Heimseite ging anläßlich der Buchmesse Frankfurt 2004 mit einer kleinen aber feinen Auswahl an Texten ins Netz und wurde von uns seitdem viele Male um Texte und Autoren erweitert.

Die Autoren für diese virtuelle Anthologie wurden völlig willkürlich gewählt – Voraussetzung waren einige Publikationen und die Zustimmung der Mehrzahl aus dem bunten Übersetzerhaufen; bis jetzt haben es András Cserna-Szabó, Attila Bartis, Virág Erdős, Krisztián Grecsó, Tamás Jónás, Levente Király, László Kiss, Ottó Kiss, András Maros und Gergő Nagy geschafft. Sie alle werden auf der Projektseite mit Photo, Lebenslauf, Bibliographie und zumindest einer Kurzgeschichte in deutscher Sprache vorgestellt.

Ziel dieser Online-Anthologie ist es, gute, junge ungarische Literatur allen zugänglich zu machen und vielleicht, das wird auch von den Reaktionen auf diese Initiative abhängen, ein richtiges Buch zu gebären, ein gedrucktes, das aber nicht nur gekauft, sondern auch gelesen wird.

Clemens Prinz, Budapest