(Intro)
von Gergely Nagy

 

Der erste Mensch, den ich als Baßgitarristen erkannte, war Paul Simonon von der Punkband The Clash. Vorbild gefunden, Poster an die Wand gehängt, Aufgabenliste zusammengestellt. Ganz so ist es nicht gewesen. Zuerst verwirrten mich die Gitarren, die Tatsache, daß Solo- und Rhythmusgitarre zwei verschiedene Instrumente seien. Ich ahnte damals, daß sich der Unterschied doch eher in der Funktion verstecken muß, und nicht im Instrument selber.

Die Baßgitarre unterscheidet sich ganz offensichtlich von jeder anderen Gitarre; sie hat vier Saiten und einen langen Hals. Sie ist auffällig anders. Genauso wie sich auch der Baßgitarrist von allen anderen in der Band unterscheidet; auffällig anders ist er. Es gibt Frontmänner: den Sänger und den Sologitarristen; und es gibt Leute im Hintergrund, den Schlagzeuger und vielleicht den Keyborder – und dann ist da noch der Baßgitarrist. Am Rand der Bühne, in der Mitte, näher am Schlagzeuger als am Frontmann, ein bißchen außenstehend, ein bißchen über den Dingen.

Sein Verstärker und seine Boxen sind größer als die der anderen, die großen Lautsprecher braucht er, damit die Oberfläche größer ist, die tiefen Töne brauchen das irgendwie, die größere Oberfläche. Der Baßgitarrist könnte lautstärkemäßig die ganze Band übertrumpfen, er würde all die anderen von der Bühne blasen, würde er voll aufdrehen; das macht er aber nicht, denn er ist demütig. Seine Anwesenheit fällt vielen vielleicht gar nicht auf, doch wenn es ihn nicht gäbe, würde er fehlen. Trotzdem kann man sich eine Band ohne Baßgitarristen durchaus vorstellen. Ohne Schlagzeuger nicht. Das wäre ganz einfach unmöglich: die Rockmusik ist eine Musik der Trommel und nicht der Gitarre. Zum Baßgitarristen werden vielleicht jene, die für andere Instrumente ungeeignet sind. Dieser Paul Simonon ist so einer. Er ist zu nichts anderem gut. Zu Beginn konnte er die Liedbegleitungen gar nicht richtig spielen, und trotzdem wurden seine Riffs und seine Person zum Emblem der Band. Seine Körpergröße stand im idealen Verhältnis zur Größe der Baßgitarre. Sie hing weit unter seiner Hüfte, lag auf seinem Oberschenkel auf. Er spielte mit gegrätschten Beinen, mit hängendem Kopf.

Was seine Stellung und sein Benehmen angeht, ist der Baßgitarrist eine Mutation des Contrabaßspielers der traditionellen Rock and Roll Bands, und Paul verkörperte diesen Charakter perfekt. Doch das ist noch nicht alles. Er ist auf dem besten Plattencover, das jemals gemacht wurde, zu sehen: auf der Scheibe London Calling (1979); wie er gerade seine Gitarre zerschlägt.

Eine ganze Menge Leute hat schon, auf die verschiedenste Weise, Gitarren zerdroschen, doch so wie er, hat es noch keiner gemacht. So muß man eine Gitarre richtig zerschlagen. Das ist nicht einfach eine Gitarrenexekution. Das ist die absolute Zerstörung. Die Zerstörung der Plattenindustrie, des Pop, die Zerstörung der elektrischen Maschinen mit der Wut der Ludditen, der Maschinenstürmer. Die Zerstörung der bestehenden Ordnung. Die Auslöschung der ganzen beschissenen Welt.

Und trotzdem war ich mit dieser Geste nicht ganz einverstanden. Eine Baßgitarre Marke Fender Precision (die er auf dem Bild gerade auf den Bühnenbrettern des New Yorker Palladiums zerdrischt) ist nämlich sehr teuer, die bekommt man nicht an jeder Ecke. Meine Gitarre hatte seinerzeit 1500 Forint gekostet und man nannte sie Jolana: ein tschechoslowakisches Erzeugnis und es wäre vermessen gewesen zu glauben, daß ich es jemals zu mehr bringen würde. Ich hätte mehr Grund gehabt, sie zu zerschlagen, als mein Londoner Kollege. Deswegen hätte ich es für richtig gehalten, hätte Paul Simonon sein Instrument, statt es zu zerschlagen, nach Osteuropa geschickt, an die aufstrebenden, jungen ungarischen Musiker, die durch die Rockmusik sich aus der sowjetischen Unterdrückung befreien wollten. Hätte er sie mir schickt: Gergõ, Budapest.

Nach dem Konzert in der Brixton Academy, hinter der Bühne, in seiner Garderobe ruft er – zerzaust, verschwitzt, mit einer Dose Cola in der Hand – einen Roadie zu sich:

»Hör zu! Nimm diese Gitarre und schick sie diesem Burschen in Budapest!« »Nach Bukarest?« fragt der Roadie.
»Nein. Das sind zwei verschiedene Städte. Zwei ganz auffällig verschiedene.«, antwortet Paul.
»Okay.«
»Warte einen Moment!« ruft ihm Paul noch nach und gibt ihm eine abgerissene Konzertkarte. »Steck diese noch dazu in den Gitarrenkoffer!«

Auf die Rückseite der Karte kritzelt er ein paar Zeilen: »Servus, ich bin Paul von den Clash, das ist jetzt Deine Gitarre. Sei so lieb und zerdrisch sie nicht. Schließ sie nur an, an einen Verstärker – den lege ich nicht bei, um den mußt Du Dich schon selber umschauen – dreh die Lautstärke auf, schlag mit deiner Hand auf die Saiten, laut muß es sein, du wirst sehen, es wird schon gehen. Und dann habt Ihr nichts anderes mehr zu tun, als eine Band zu gründen!«

Daraufhin verpackt der Roadie die Gitarre in einen eleganten, an den Rändern mit Eisen verstärkten schwarzen Koffer, klebt einen “Fragile“-Abzieher drauf und bringt sie zur Post. Paul lehnt sich zurück, in der Hand hält er ein schneeweißes Handtuch und denkt einen Moment darüber nach, ob er nicht vielleicht mit dem Musikmachen aufhören sollte.

Ganz so ist es nicht gewesen. Die erste Fender wollte man mir 1984 verkaufen, in jenem Haus, in dem ein altes Ehepaar sein Aquariengeschäft hatte. So trafen sich die zwei großen Leidenschaften meiner Kindheit. (Doch während meine Fische dauernd krepierten, ließ ich mir das Baßgitarrespielen durch nichts vermiesen.) Der Verkäufer war aber schnell entlarvt, die Gitarre war eine Fälschung. Eine echte Fender hat nämlich unzählige Erkennungsmerkmale: Am Kopf die Seriennummer, ein Buchstabe steht für das Jahrzehnt (S: seventies, E: eighties), und die Nummer kennzeichnet die Serie. Unter dem Pickguard oder dort, wo sich Hals und Korpus treffen, ist ein Stempel mit dem Namen des Arbeiters, der die Qualitätsprüfung durchführte, und auch mit dem Tag der Herstellung. Zumindest bei den amerikanischen Originalen. Auf der meinen – Jones, 78. Jan. 1. –, das läßt darauf schließen, daß Leo Fender seine Arbeiter ausbeutete, sie durften sich auch zu Neujahr – übernächtig, mit Katzenjammer –nicht ausruhen. Es kann auch sein, daß nicht mehr er der Chef gewesen ist, weil er zu jener Zeit seinen Betrieb verkaufte, um den »Music Man« zu gründen. Und hier sind die Absichten klar, endlich soll Tacheles geredet werden: »music«, »man«. Da gibt es nichts mißzuverstehen. Die Music Man wurde die beste Baßgitarre der Welt. Ich habe einen Verstärker, einen Music Man. Einen Röhrenverstärker, der jeden Atomkrieg übersteht, ein verläßlicher Gefährte in der Einsamkeit.

Von einem Burschen hab ich ihn gekauft, von dem ich schließlich auch meine Gitarre kaufte, ich glaube, er war ein Nepper. Er war sehr gutmütig, deswegen blieb er immer der kleine Hehler, als der er angefangen hatte.

»Wir fangen gerade zu renovieren an…« sagte er, als er mich in eine Plattenbauwohnung führte, in der die Tapeten von den Wänden gerissen waren. Die Wohnung war völlig leer, nur ein Sessel stand in einem Zimmer und darin saß eine Großmutter – grau und gebrochen. Anderthalb Jahre lang suchte ich regelmäßig diese Wohnung auf, das eine Zimmer füllte sich langsam mit Instrumenten, es wurde immer nur mit der Renovierung begonnen, und die Oma saß in ihrem Sessel. Ich hatte Angst, daß mich der Zoll erwischen würde, oder irgend jemand fragen würde, woher ich denn meine Sachen hätte. Die konnten von überall her sein. Fender-Gitarren kann man sogar auf Dachböden am Ende der Welt finden, es gab eine Zeit, da waren sie nichts wert. Heute ist es schwer, ein altes Stück zu finden, seinerzeit aber gab es auch »Wanderinstrumente«. In Budapest erzählten 1985 viele von einer schwarzen Fender, die umging, und wer die Gitarre kaufte, starb kurz darauf auf irgendeine rätselhafte Weise.

Ich weiß nicht, woher die meine ist. Schwarz ist sie nicht. Ich tippe auf Deutschland. Weil alle Sachen nur aus Deutschland zu uns kommen: Was in Deutschland aus dem Fenster fällt, schlägt bei uns auf.

Zuvor hatte ich auch eine Gitarre der Marke Melody, ein italienisches Gerät, das in Rumänien im Akkord hergestellt wurde, ihr Hals krümmte sich langsam, aber stetig. Dann hatte ich noch eine Yahama, die die TRIÁL-Läden angeblich im Tausch gehen landwirtschaftliche Produkte von den Japanern bekommen hatten. Sie war verdammt schwer, der Korpus aus Esche. Sie klang ganz gut, und der seinerzeit begabteste Baßgitarrist Budapests, der Gazsi, hatte aktive Pick-Ups eingebaut. Er bereitete sich aufs Musizieren vor, wie Bergsteiger auf den Mount Everest. Er machte ganz besondere Fingerstärkungsübungen. Gazsi ist jetzt bei den Hare Krishna und spielt in einer Krishna-Hardcore-Metal-Band. Und jeder Song hat den gleichen Text: Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna, Krishna, Hare, Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama, Rama, Hare, Hare. Den Textschreiber möchte Gazsi einmal treffen.

 

Auszug aus dem Roman Basszus!,
einer Liebeserklärung an Musik und Jugend im Ungarn der 80er Jahre.

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2004.