Brief aus Ungarn
von Ottó Kiss

 

Lieber Clemens,

ich bitte Dich, nicht, selbst in Gedanken nicht, übles zu sagen, da ich nun schon zum zweiten Mal in diesem Monat schreibe, denn man sagt doch, und wer könnte das besser wissen als Du, daß der Gedanke Schöpfer ist, daß der Gedanke unsere Welt erschafft, daß aber der Gedanke auch, und das ahnen wir seit dem Paradies, seit dem ersten Sündenfall, daß der Gedanke aber auch vermag, diese Welt zu verschlingen, sie Verfall und Verwesung anheim zu geben oder der Ewigkeit.

Du weißt, daß ich Dich in Deinen arbeitsreichen Alltagen nicht belästigen würde, hätte ich nicht guten Grund dazu, wenn die Zahl der eintönig vergehenden Stunden nicht so bitter und schmerzlich wäre, bitter und schmerzlich, wie sie ist, seit ich nun wieder einfach nur das Bett hüte.

Heute sind es drei Tage, daß ich unentwegt auf das große Fenster im Mansardenzimmer schaue, daß ich sehe - wie ganz leicht bleiben die Schneeflocken daran haften -, drei Tage, daß es einfach nur schneit, schneit, oft den ganzen Tag lang und so stark, daß ich nicht mal mehr nach draußen sehen kann, und am Abend dann ist an Stelle der Sterne am Himmel nichts über mir als dieses alles bedeckende Weiß; so, als wolle mich etwas einhüllen, als wolle mich irgendeine nicht faßbare Kraft behüten, eine Kraft, die immer war, ist und immer sein wird, die immer und überall spürbar ist, und der sich zu entziehen, vielleicht gerade deswegen, immer schwerer wird.

Schnee, der dritte Tag und wieder Unmengen von Schnee, bittere Gestalt hat der Winter draußen angenommen, vom hohen Himmel bis zum Erdboden, und auch drinnen im Zimmer ist er bitter geworden und auch weiter drinnen, ganz drinnen, in der Gegend meines Herzens, und, so glaube ich, letzteres wird auch dann sich nicht ändern, wenn dort draußen Frühling wird, wenn die Vögel dort zwitschern, wenn sie ihre närrischen und gutgelaunten Lieder singen oder an das große Fenster des Mansardenzimmers klopfen, denn jeden Tag fühle ich ja, daß, mein lieber Clemens, daß ich die Tür zu dieser Welt mittlerweile gerne, sehr gerne und endgültig hinter mir schließen würde.

An meiner Stimmung läßt sich durchaus ablesen, daß die Resignation mich bezwungen hat, ganz und gar, im Inneren, unter meinem Herzen hat sich etwas dem Unabänderlichen ergeben, und seltsamerweise gibt mir genau das in den letzten Tagen eher Anlaß zur Freude als zu Kummer und Traurigkeit, und ohne jeden Zweifel kann ich jetzt sagen, daß es bestimmt gut so ist. Nun, und eben das ist es, was das Entsetzen in mir wachgerufen hat, was mich mit dem kalten Hauch der Wirklichkeit und hohl hallender Angst erfüllt, immer öfter betrachte ich den Schlußpunkt meiner sich ihrem Ende zuneigenden weltlichen Laufbahn unter dem Gesichtspunkt, daß vielleicht ich selbst auf diesen nahenden Augenblick drängen sollte, daß vielleicht ich selbst mir zu jener Lösung verhelfen sollte, daß dieser Augenblick sofortig und unwiderruflich sei, um mich im letzten Abschnitt meines Lebens vor niemandem erniedrigen zu müssen, um mein Fortgehen mit der selben Würde zu tragen, wie ich mein Leben getragen habe.

Jetzt weckt diese Vorstellung in mir blankes Entsetzen, umsonst versuche ich, mich von diesem schuldhaften Gedanken fern zu halten, er hat sich endgültig in meinem Gehirn eingenistet, und noch furchtbarer ist, daß ich mit offenen Augen, im Halbschlaf und auch Nachts mit ruhigem Herzen daran denke, in meinen Träumen aber komme ich wieder allem nahe, was mit Händen greifbar, mit der Nase zu riechen, mit Augen zu sehen oder mit den Ohren zu hören ist. Und doch bleibt bei all dem der Tag, bleiben die vergeblichen Mühen der Welt bestimmend, und mit ihnen die Angelegenheiten des Körpers, und eben darin liegt der Moment, wegen dem ich entschieden habe, die bedrückende Stimmung meiner letzten Stunden mit Dir zu teilen.

Lieber Clemens, ich möchte mich für Deinen Brief bedanken, den mir die Post vor zwei Wochen gebracht hat, und in dem Du mich ermunterst, der Deinen guten Willen zeigt, in dem Du Dich entschuldigst, daß du Deiner geliebten Tante im Augenblick nicht mehr als die sechstausend Forint zukommen lassen kannst, die außerdem im Umschlag waren, und für die ich mich bedanke, weil sie mir bei der Zahlung der Gasrechnung eine große Hilfe waren, so wird die Heizung jetzt noch nicht abgestellt. Und wenn ich weiterhin sparsam bin, mich nachts und auch tagsüber gut zudecke, bleibt sie vielleicht bis zum Frühling eingeschaltet. Ich muß leider entgegen den Tatsachen, die Du zu Papier gebracht hast, die erschrecken und die wohl der Grund für meine tiefe Verbitterung sind, wiederum auf die spärlich vorhandenen Mittel, mich zu ernähren und damit auch auf meine materiellen Umstände aufmerksam machen. Ich muß Dich aufs Neue darum ersuchen, daß, wenn Du wieder zu Geld kommst, Du nochmals an mich denkst, da meine Lage bedauerlicherweise, auch wenn es nicht viel ist, trotzdem noch erniedrigender ist, als jene, welche Du mir in Deiner so bedrückenden Beschreibung skizziert hast.

Ich verabschiede mich jetzt, denn es wird Abend, und Licht will ich nicht einschalten, ich hebe mir die Beleuchtung für dringende Fälle auf, diesen Brief aber möchte ich Dir auf jeden Fall morgen früh zuschicken, so erhältst Du ihn um so schneller. Sei umarmt: Deine geliebte Tante.

 

Aus dem Ungarischen von Merten Bóth, 2003.