| Werk- und Feiertage im Kotz&jammer von László Kiss |
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| An jenem späten Septemberabend rangen
auf dem Weg zu Bushaltestelle zwei Gedanken in Palis Hirn. Der ältere Sproß der Familie
Krähling, dachte erstens: »gut gefickt und eingenickt, mehr Kultur brauchen die
nicht...«, zweitens »daß der Schein in vielen Fällen entweder nur unter gewaltigen
Schwierigkeiten, oder im Gegenteil: überhaupt nichts mit der Realität zu hat.« Im
Grunde nahm das in seinem Kopf ein bißchen anders Gestalt an: »Das Leben ist verdammt
schwer.« In Wahrheit hatte aber auch die Kunst ihren gutverdienten Platz im Dorf, obwohl im Vergleich zu anderen Dörfern gleichen Schlages hier nicht das Kulturhaus, sondern die Trinkhalle namens »Grünes Faß« den lokalen Auserwählten der Musen Platz bot. Dichterlinge waren am häufigsten. Das Gedicht von Jóska Bori zum Beispiel, die Elegie mit dem Anfang "Ich weiß nicht was soll es bedeuten, daß ich so wollüstig bin" war ziemlich lange im Altersheim herumrezitiert worden. Gazsi Roskay, der Zweittraktorist der LPG, gefiel sich in der Rolle des verträumten Poeten, in seinen Gedichten fror die Landschaft still und stumm. Pisti Stur, der das Mädchen für alles im Volksliedverein war, rezitierte an bestimmten Abenden (Jahreshauptversammlung, Nationalfeiertag etc.) stundenlang Die Barden von Wales, aber nicht die Balladefassung von János Arany, sondern die, die sein Nachbar der, Feri Szabó, geschrieben hatte; derjenige Feri Szabó (der Sohn des Ladenbesitzers Szabó), der unter all den anderen am ehesten was von den Reimen verstand. Ein Gedicht von ihm, unter dem Titel Gefühle mit Akazien ging folgenderweise: Die Blätter fallen langsam vom Baume, »Todmüde« bedeutete in der Deutung von Géza Brunszvik: höllisch erschöpft - na klar, gewiß vom Schuften, denn der Feri verlädt im Brenn- und Baustoffhandel das Eisen; er schuftet wie ein Tier. Aber was diese Fliege im Gedicht zu suchen hatte, und warum sie dem Feri so lieb war, da ja das ganze Dorf voll mit Fliegen ist, und die einen nicht einmal am Nachmittag richtig schlafen lassen, hat das Géza Brunszvik nicht kapiert; er schwieg also ratlos aber beharrlich darüber. Des weiteren gab es im Dorf zwei Romanciers, deren Namen die Dorföffentlichkeit aus Sicherheitsgründen verschwieg, manchmal wurden von ihnen sogar Dramen verübt: darüber konnte dann ausführlich im Lokalkurier lesen. In großer Anzahl stieß man immer wieder auf Maler, auf richtig ausgebildete Maler und Anstreicher, und alle drei-vier Jahre meldete sich auch ein mehr oder weniger begabter Bildhauer. Darüber hinaus zeigte Jóska B. Engel, der Bahnwärter, Interesse für die Geschichtswissenschaft, nichtsdestotrotz konnte er sich den Namen von Franz Ferdinand nicht merken. Aber das hatte wohl auch seinen Grund. Kurz und gut: im Dorf waren die Vertreter sämtlicher Kunstgattungen zu finden. Eine Gattung fehlte jedoch: das Heavy Metall. Pali, der sich in der Diskothek des Nachbardorfes amüsierte, weil es nichts besseres gab, hatte von der ganzen Situation die Nase voll. Die Dorfbewohner standen nämlich nur mit der Musik auf Kriegsfuß. Nicht in dem Sinne natürlich, daß diese Art von Kultur völlig aus dem Dorf verdrängt worden wäre, aber wer würde – wäre er auch noch so gutmütig - das Pfeifen beim Pferdefüttern, das Gegröle auf dem Nachhauseweg vom Grünen Faß oder das stümperhafte Zitherspiel im Altersheim und ähnlichen Unfug als Musik einstufen? Aber das Heavy Metal ist etwas völlig anderes. Na ja, es stimmt schon, daß die Krähling Söhne einmal schon eine solche Band gegründet hatten, die hatte sich aber nach fünf Bieren wieder aufgelöst. Nach all dem überrascht es kaum, daß die Idee der Krähling-Jungs (Pali und Petike), den leer stehenden Stall neben dem Löschteich, in eine Rockkneipe umzubauen, in der falschen Dimension und im falschen Jahrtausend geboren worden war. Darum kümmerten sie sich aber nicht. Der Wille und die feste Entschlossenheit erwies sich als stärker als irgendein gutnachbarschaftliches Verhältnis, Bürgerproteste, und in knapp zwei Wochen war überall in den Toren der umstehenden Bauernhöfe die Erlaubnis geschwenkt worden, jene, die Pali gefälscht hatte. Diesen Beruf, den des Fälschers, hat er sich noch in der Stadt in den Jahren seiner Lehre angeeignet; streng im Sinne des Tauschprinzips hatte er im Wohnheim den Jungs dafür das Ferkelchenspiel beigebracht. »Das Ferkelchenspiel sieht folgendermaßen aus«, - erklärte er eines Nachts seinem besten Freund, dem Dávid Kasza, »du mußt dir in der Disko fünfundvierzig Sekunden lang auf den Oberarm hauen, dadurch entsteht dort so ein Muskelzucken, und dann gehst du zu jemandem hin und haust ihm mitten in die Fresse. Kaum eine Woche später glänzte die neue öffentliche Einrichtung frisch gestrichen. Die kirschfarbenen Dachziegel sprangen einem schon vom Rande des Löschteiches Auge, die nur ein Fremder nicht als den Ziegelvorrat des Brenn- und Bausstoffhandels erkannt hätte. Anstelle des schäbigen Eisentores wurde eine Schwingtür montiert, die Fensterläden wurden einerseits mit Plastik ausgefüttert, andererseits aber mit Glas ausgebessert, und unter die Dachrinne wurde mit riesigen schwarzen Lettern der Name gemalt: Kotz&jammer. Im Inneren war der Kotz&jammer noch imposanter ausgestattet: Im Raum befanden sich Barhocker ohne Lehne, Eichenholztische mit Armsesseln, (vier pro Tisch), drei Plastiktische obendrein, in der Ecke ein Fauteuil, an dem der aufgeschlitzte Überzug nur aus nächster Nähe zu erkennen war, einige, sich im Endzeitzustand befindende Tischkicker sowie ein im großen Bogen geschwungener Tresen. Auf der Eröffnungsparty betatschte Géza Brunszvik den ganzen Abend lang die Wand des Tresens, denn die sei einfach gottverreckt affengeil, habe er doch noch nie in seinem Leben so einen Tresen gesehen, der aus weichen Ziegeln gebaut worden wäre; aber die Krählings waren kaltblütig genug um ihm nie zu verraten, daß die Theke mit Kartoffelsäcken von Frau Roskay abgestützt worden war. In der Mitte, genau dem Eingang gegenüber, wurde die Bühne aus Tomatenkisten zusammengezimmert, und eigentlich nicht ganz umsonst, denn - obwohl während des dreiwöchigen Bestehens des Kotz&jammers sie nur eine einzige Band näher kennenlernte - bot sie Deckung, zwischen dem Podium und der Wand eröffnete sich ein perfektes schwarzes Loch zum Urinieren, streng im Dienste des ununterbrochenen Partyfeelings. Und darin wurzelte halt das Problem. Die Chancen auf ein Life-Konzert waren jedoch von Anfang an gering. Die Dorfbewohner, vor allem diejenigen, die nicht mehr so jung waren, beobachten das Wirken von Pali und den anderen mit unverhüllter Abneigung. Wegen der aus dem Kotz&jammer dringenden, ohrenbetäubenden Gitarrenmusik und des wahnwitzigen Schlagzeugspiels war das Leben in der Umgebung oft zum Stillstand gekommen; nach zwei-drei kräftigeren Partys mußten die Krähling-Jungs wohl oder übel die Lautstärke der Hifi-Anlage runterdrehen. An einigen zerschmetterten Plastikstühlen und zertretenen Schnapsgläsern sowie flatternden Fensterscheiben konnte man sehen, daß es so nicht weitergehen konnte. Den Krähling-Jungen rauchte ordentlich der Kopf. Die Mischung aus Wut und gutem Willen hatte einen matschigen Schmalztiegel aus ihrem Kopf gemacht, aber Dank der drei Minuten lang dauernden Vernunft ihres Vaters, die sie geerbt hatten, verzichteten sie auf ein gründlicheres Aufräumen, was eigentlich das Räumen des Altersheims oder das Verminen der Dorfhauptstraße bedeutet hätte, verzichtet. Das wiederum hätte mindestens einen ausgiebigen Arrest nach sich gezogen hätte; sie wußten es aber genau, daß diese Haft nicht mit derjenigen einstigen zu Hause - wie Fernsehverbot und auf Holzscheiten in der Ecke knien - gleichzusetzen wäre. Sie waren sich auch darüber im klaren, daß die Sache mit dem Knast früher oder später unausweichlich auf sie zukommen würde, da kann man bis zum Lebensabend einfach nicht darum herum kommen; der Alte Krähling hatte nach dem Abendessen immerfort erklärt, daß »der Knast, Jungs, nun endlich genauso eine öffentliche Anstalt ist, wie das Krankenhaus, die Kaserne oder die Kneipe: einmal im Leben muß er überstanden werden.« Sie dachten aber, daß es einfach noch zu früh dafür sei. Nun, was tun? Die Musik darf nicht lauter werden, denn dann kommt der Bürgermeister mit aller Welt, und dann Tschüß, Ciao, das war´s mit der Rockkneipe, die - ehrlich gesagt - immerhin die beste Idee unter denen gewesen war, die irgend jemand jemals in der Dorfgeschichte ausgeheckt hatte. Leiser darf aber die Musik auch auf keinen Fall sein, dann wird nämlich der berechtigte Entrüstungssturm kaum aufzuhalten sein: im Endeffekt bleibt sich das gleich. Dann sollte aber dieses verschissene Metal wieder genauso laut dröhnen, Pali sprang erregt vom Stuhl auf und schüttete im gleichen Zuge die Kanne Rotwein auf seinen Bruder ausgeschüttet. Der jüngere Krähling, Petike, wollte in seiner ohnmächtigen Wut seinem Bruder eins in die Fresse geben, aber schließlich überwand die Geschwisterliebe doch die pure Wut. Am nächsten Rockfreitag ertönte keine Lärm oder Getöse mehr aus dem mit Folien bespannten Fenstern des Kotz&jammers. Petike saß vergnügt und zufrieden hinterm Tresen, und die besten Kumpel bestellten ungezählte Biere. In der Kneipe war Großbetrieb, alles lief perfekt. Ein wenig ungewohnt wirkte hingegen, daß etwa ein Dutzend Halbstarker auf der Tanzfläche mit riesigen Kopfhörern hin- und herschlürfend, fleißig mit ihren Luftgitarren herumfuchtelten. Die wilde Kopfhörer-Headbanging-Tanzerei barg unheimliche Möglichkeiten in sich geborgen - drei Tage lang. Am vierten Tag schlenderten nur mehr drei-vier Leute in der Tanzarena herum. Das gräuliche Ende des Kotz&jammers nahte wiederum. Und es ging auch nicht weiter. »Egal, was auch immer geschieht…«, die Krählings
blickten einander an, und Pali setzte sich wiederum mit seinem alten Klassenkameraden in
Verbindung. Die Techniker der Band, zwei unsympathischen Kerle aus Budapest, die den Wein den ganzen Abend lang aus der Flasche tranken, hatten die Anlage schnell zusammengebaut. Das Transparent hinter dem Schlagzeug verkündete die Frohbotschaft der Band: »Vandalismus ist die beste Medizin«. Das Konzert Dave Scythes übertraf all die Erwartungen der Krähling-Jungs bei weitem. Als Géza Brunszvik sein erstes Bier bestellt hatte, gab es bereits ein mittleres Gedränge vor der Bühne. Zu dem Zeitpunkt, als ihm schon mehrmals kräftig auf seine Sandalen getreten worden war, sprang die verschwommene Gestalt des Schlagzeugers hinter das Schlagzeug ; und als die Rauchschwaden des primitiv hergestellte Trockeneises (Patrone, Zündholz, Zigarette) endlich die auf die Bühne drängenden, mit Locken umrahmte Fratze Dávids vermuten ließ, brach die Hölle los. Einundzwanzig Leute tanzten auf dem staubigen Linoleum vor den Brettern, die die Welt bedeuten. Dávid geriet bei den Soli tobend außer sich, warf sich auf den Rücken und zappelte mit den Beinen, als ob er einen epileptischen Anfall hätte. Beim Evergreen In der Milch da schwimmt ein Haar, vielleicht ist es dein Schamhaar riß eine Saite, und dann gab es auch Probleme mit dem Stecker, Dávid aber wurde schnell Herr der Lage; und dem enttäuschten Gemurmel wegen der unerwarteten Pause, das jedoch die öffentliche Masturbation des Baßgitarristen einigermaßen dämpfte, folgte ein erleichtertes Aufatmen und brausender Beifall. Die Jungs trugen ihre größten Hits nacheinander vor, unter anderem auch eine Sex Pistols-Neufassung. Am Anfang schien der Song Wir laufen auf schmelzendem Punscheis der größte Erfolg zu sein, als aber Dávid das Lied Sag mir eine Zahl zwischen 3 und 5 anstimmte, erreichte die Stimmung endgültig den Siedepunkt und die Emotionen waren nicht mehr zu bremsen. Einige fielen hinter den Tresen, andere wiederum wurden von wieder anderen grün und blau geschlagen. Pali kreiste mit dem Kopf langsam und bedächtig, als
hätte er Blei in den Haaren, Petike warf von hinter dem Tresen Bierflaschen ins Publikum,
Géza Brunszvik taumelte um die Lautsprecher herum. Er suchte die Hintertür, sah sich um, wie er entkommen könnte, aber da wurde er schon in Handschellen abgeführt. Und was geschah dann? Der Alte Krähling blieb bei seinen festen Gewohnheiten: wenn er abends besoffen war, schob er am nächsten Tag einen Schubkarren mit Ziegeln im Garten herum. Er machte das jeden Tag. Zuletzt wurde er gesehen, als er mit dem ächzenden Karren hinter den Tomaten links einbog. Und Pali? Kalter Wind brauste die Dorfhauptstraße entlang, als der
Überlandbus um die Ecke bog. »Gut gefickt und eingenickt, mehr Kultur brauchen die nicht«, dachte er, nachdem er eingestiegen war. Zum Abschied zog er seine Hose bis zu den Knien hinunter und wandte seinen Rücken noch einmal seinem Heimatdorf zu.
Aus dem Ungarischen von Evin Hussein, 2004. |