| Klassentreffen von Levente Király |
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| Als man uns feierlich die Grundschulabschlusszeugnisse überreichte, dachte keiner daran, was in zehn Jahren wohl sein würde. 24, 25 würden wir sein, alte Buseranten, dachten wir. Schon ein fünfjähriges Klassentreffen glänzte in unwirklicher Ferne, zu diesem Zeitpunkt wären wir dann schon erwachsen, dachten wir. Wir hätten einen Führerschein und auch einen Hapschi oder ein Mädl. Scheißmichan. Und dann plötzlich das vierzehnjährige Jubiläum, kein bisschen rund dieses Jubiläum und vielleicht ein bisschen mystisch. Das hat sich so ergeben. Ich war sehr früh dran, trank ein Bier, rauchte einen Tschick. Keinen Bissen hätte ich hinuntergebracht. Dann war der Cseri da, der Rote, für den man schon damals eine fingerdicke Gebrauchsanweisung gebraucht hatte; er hatte zuletzt als Garderobenfrau seine Freitagnächte in einer heruntergekommenen Disko verbracht und von seinen Türsteherfreunden ausgesuchte Leute verdreschen lassen. Seinerzeit haben wir ihm immer gesagt, er solle sich endlich die Nase putzen, weg! mit dem grauslich grünen Rotz. Er wollte Polizist werden. Public Relation Manager, Pressesprecher auf gut Deutsch, daraus ist nichts geworden. Doch mit Menschen hat er auch so zu tun. Er war der beste in Mathematik. Und auch Zsab, der Opernsänger, ist aufgetaucht. Schon mit dreizehn führte er ein sehr liederliches Leben. Vielleicht hatte er auch gesoffen, er war der fanatischste Metal-Fan unter uns. Jetzt meinte er, mit tiefer Stimme, dass er kein Gras möchte, drei Jahre habe er nur Gras geraucht, und jetzt mache er ein bisschen Pause. In der Abendschule hat er maturiert, weil er inzwischen bekehrt worden war. Zuletzt hatte ich ihn in der Vorstadt auf einem dieser staubigen Hauptplätze getroffen, damals war er gerade nach Japan unterwegs gewesen. Dann ist Pete gekommen, der Ex-Skinhead, seine Mutter ist Türkin, doch keiner hatte ihm je gesagt, dass das ganze offensichtlich irgendwie nicht zusammenpassen würde. Ihm war oft ein Furz ausgekommen, deswegen haben wir ihm irgendwann einmal auch unsere Fürze angehängt. Jetzt arbeitet er bei seinem Vater als Gartengestalter, wühlt in der Erde, aber es gefällt ihm nicht. Auch er kifft nicht, er schwört aufs Kokain, »da fickt‘s sich dann richtig«. Er mag seine Arbeit nicht, will auf die Uni für Gartenbau gehen. Auch Atesz, der Autoschieber ist gekommen, er war immer der Klassen-Kasperl. Er hatte sich richtig herausgeputzt; Kleidung und auch die Haare. Apropos, sogar ich hatte mein Haar eingegelt, war ganz komisch, die Sache. Atesz hat ein erfolgreiches Unternehmen geerbt, und gemeinsam schimpften wir auf die französischen Autos. Den Fußball haben wir seinerzeit immer in ihren Garten hinübergekickt oder zum nervenkranken Hund vom Nachbarn. Oder auf das Dach des Supermarktes. Dort oben haben wir dann auch einige Male Fußball gespielt. Und Roli ist gekommen, er hat nicht viel von sich erzählt, weil er nach dem Joe stundenlang gekotzt hat, in verschiedene Hauseingänge. Ab und zu hab ich hinausgeschaut, ob er noch lebte; auch hat mich ein bisschen das Gewissen gebissen. Doch warum Gras rauchen, wenn man’s nicht verträgt? Roli und ich hatten sehr bald zu rauchen begonnen, in der sechsten Klasse waren wir schon immer draußen auf dem Balkon gestanden, und hatten aufgepasst, dass uns die Eltern nicht erwischen. Er hatte von seiner Mutter immer Filterlose stibitzt, ich hatte sie – wasweißich – woher gehabt. Der zweite Raucher, Rob, ist nicht gekommen. Und Pedro kam auch nicht. Doch Sági, sie ist gekommen. Sie war seit der Schule Rockerin gewesen, Aerobiklehrerin, der erste weibliche DJ, eine Hundertkilomozartkugel und eine schlanke Sexbombe; braun, schwarz oder rot. In jenem Moment war sie eine üppige Blonde; und sofort ist mir aufgefallen, dass sie kein Höschen anhatte, obwohl dies festzustellen keine große Kunst war, verdeckte der Minirock doch gerade ihren Arsch. Ich glaube, sie hatte sich rasiert, aber ob sie jetzt einen Streifen stehen gelassen hatte, oder absoluter Kahlschlag angesagt war, daran erinnere ich mich nicht mehr. Zu dritt gingen wir kiffen. Was mit Roli passierte, wissen wir schon, ich habe dann geredet und geredet. Cseri hab ich gesagt, wie man richtig lebt, Pete hab ich ins Gewissen geredet, dass er sich an der Uni einschreiben solle: So eine Chance darf man nicht ungenutzt lassen, weil wir doch noch jung sind, und jetzt können wir unser Schicksal noch ein bisschen beeinflussen; Zsab und ich haben über Bach gesprochen und vielleicht auch über die Trash-Metal-Band Sepultura. Sági war in ihrer Arbeitskleidung gekommen, also nicht, weil sie auffallen wollte, hatte sie nichts angezogen; und ich hab vergessen zu sagen, dass es Sommer war und schön warm. Sie war nur so vorbeigekommen, danach fuhr sie direkt an den Plattensee, weil sie sich mit Striptease Geld verdient, ab und zu Pornos dreht, und wenn einer ihr viel Geld bezahlt, dann geht sie auch mit ihm ficken. Wir fragten sie nach ihrem Tarif, doch konkretes wollte sie nicht sagen. Und es stellte sich heraus, dass sie nicht zu einem einfachen Striptease fuhr, sondern zu einer Lesbenshow. Uns hat dann besonders interessiert, wie viel gespielt ist, ob sie nicht ab und zu warm würden dabei; damals arbeitete ich auch bei einem Männermagazin, deswegen stellte ich meine Fragen mit größter Routine. Sági gab zu, dass sie manchmal richtig geil würden aufeinander, und dann wäre alles, was sie auf der Bühne machten, echt, und die Zuschauer würden ganz verrückt. Gemächlich rauchten wir einen Haufen Gras. Wir wussten, was mit Roli geschehen war, wussten, was aus mir geworden war, doch was dann mit Sági noch passiert war, wissen wir bis heute nicht. Auf sie hatte das Zeug eine unheimliche Wirkung, und diese hielt sicher noch stundenlang an. Seitdem hab ich noch oft voller Vergnügen daran gedacht, was für eine Lesbenshow Sági danach wohl abgezogen hat, mit der anderen “Künstlerin“. Den Männern ist der Schwanz sicher bis an die Decke gestanden. Wie viel Trinkgeld sie wohl bekommen haben? Wie viele Weiber jenen Abend dort wohl aufgerissen wurden? Wie viel mehr deswegen wohl getrunken worden ist? Wie viele Paare sich wohl getrennt haben? Wie viele Gläser wohl zerschmissen wurden? Wir waren seit langem die beste Abschlussklasse. Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2004. |