Alltägliche biblische Ereignisse
von Krisztián Grecsó

 

Der Kuß Ferdinand heißt gar nicht wirklich so, doch alle kennen ihn so, als Kuß. Er ist im Vatikan gewesen, Klimaanlagenfilter putzen und dort haben ihm die schwulen Schweizer Sicherheitsleute gesagt, daß jetzt entweder auf Latein oder auf Französisch, der Ferdi erinnert sich nicht mehr daran, daß sein Name Kuß bedeutet. Das muß schon eine sehr depperter Dialekt sein, in dem Kis Kuß heißt. Einmal haben der Kroate mit dem Glasaug‘ und ich Siebzehnundvier gespielt, in der Belgien-Bar, und der Kroate, dessen linkes Auge eine wunderschöne, gesprungene Glaskugel ist, hat gesagt, daß er überzeugt davon ist, daß das Wort tsuneit nur was furchtbar Perverses sein kann, weil es die Amis in jedem Liedchen verstecken. Und das wissen ja alle, daß die Amis von ihren Weibern mit so Eisstoßmessern tyrannisiert werden, und sie ihnen vorher noch die Hände am Bett festbinden, so gehirnamputiert sind die, so ein geiles Volk sagt sicher nicht dauernd tsuneit, tsuneit, wenn es damit nicht irgendwas sagen will. Dann hat der Rollstuhl-Latzi dazwischengeschrieen: Das tsuneit ist sicher so ein himmlischer Gruß, ein Segensspruch, eine Heimsuchung, wie die Krätze, aber im Westen ist halt auch die Krätze was anderes als hier. Wir waren fest im Diskutieren damals, als der Kis Ferdi gesagt hat, daß ihm jetzt gerade einfällt, daß sein Name auf Französisch oder auf Latein, Kuß bedeutet, na, eher auf Französisch, weil ja die Pfarrer nicht schmusen, deswegen sicher nicht auf Latein. Zuerst hat dem Ferdi keiner diesen Blödsinn geglaubt, doch irgendwie ist es dann doch an ihm hängen geblieben.
Ich versteh überhaupt nicht, wie diese Welt funktioniert.

Der Rollstuhl-Latzi, wenn er wieder einmal sehr durstig gewesen ist, und für seine eine intakte Hand zu viel getrunken hat, und alle ihn fragen: Wie wirst jetzt heimkommen? hast auch deine gute Hand noch versoffen, schau, wo du bleibst; und dann schiebt ihn doch irgendwer nach Hause. Na, und so ist das auch mit den anderen Dingen: Keiner will, doch irgendwas ergibt sich immer, und: keiner glaubt‘s und dann glauben‘s doch alle.

Wir sitzen in Belgien und irgendwas passiert, einfach so.
Belgien, das ist eine Wunderspelunke, schon bevor man uns das alte System weggenommen hat, habe ich das gesagt. Schon damals war sie heiliges Land, als wir sie, die Belgien-Bar noch nicht Belgien nannten, sondern “ÁFÉSZ, Spirituosenladen Nr. 123”, oder eher eins-zwei-drei, kurz: eins-zwei. Haben wir dann auch immer der Madame Kuheuter, der Ilona gesagt: Euterchen, ein Bier, eins-zwei!

Es kann natürlich sein, daß ich beschränkt bin, doch glaub ich nur teilweise an die göttlichen Wunder, die sich immer bei uns abspielen, obwohl auch hier wirklich so unglaubliche Dinge passieren wie in der Bibel. In der Heiligen Schrift steht doch irgendsowas von einer Hochzeit, und daß irgendwann der ganze Wein ausgesoffen war, und irgendwie war dann plötzlich wieder welcher da. Na und ob es sowas gibt; das gibt‘s auch bei uns immer wieder, dieses Wunder. Fast immer gibt‘s zu wenig Wein auf den Hochzeiten, und der Vater der Braut sagt dann immer so um zwei in der Früh: Burschen, damit meint er uns, der Wein ist aus. Doch wenn dann der Ferdi und seine Kumpanen dem Bräutigam die Arme nach hinten drehen und ihn ans Ende des Gartens zerren und die Braut ins Gestrüpp hinter der Sparkasse, mit der Idee im Hinterkopf, sich jetzt, so auf dem Trockenen, die Zeit mit etwas anderem totzuschlagen, genauso sagen sie, totschlagen, gibt’s – oh, welch Wunder – auf einmal wieder Wein. Ist das nicht schön, daß es bei uns zugeht wie in der Bibel? Wir leben an einem durch und durch heiligen Ort.
Natürlich haben wir, der Ferdi und der Kroate und ich da so unsere Zweifel.

Und, ich muß sagen, wir haben auch wirklich schon recht gehabt! Als zum Beispiel so ein Wunderheiler ins Dorf gekommen ist, das Kulturzentrum war bummvoll mit Leuten, gut, daß wenigstens wir nicht den Kopf verloren haben! Am Rollstuhl-Latzi wollte der berühmte Scharlatan, ein Neger, seine Wunderkräfte beweisen, na, Gott sei Dank, daß der Kuß Ferdi, der Glasaugenkroate und ich uns nicht anschifften vor lauter Erstaunen; außer uns riefen alle Halleluja, Halleluja! Irgendwann hat die furchtbar lispelnde Bitterschokolade zum Latzi gesagt: sstee auff und lauff! Und der Latzi ist aus seinem Rennsessel aufgestanden. Zum Glück ist dem Kuß Ferdi aufgefallen, daß seine Schulter, dem Latzi seine, so deppert schief gestanden ist, weil bis dahin war nur seine Schulter und sein rechter Arm im großen und ganzen normal gewesen, na, wenn er jetzt dort auch noch einen Schlag bekommen hat; was gibt’s dann noch schönes an ihm? Der Ferdi ist gleich hin, damit er dem Latzi eine auf die Schulter drischt, daß ihm der Latzi keine Schande macht vor all den Leuten, wenn er schon zum Wunderpferdchen geworden ist. Am Tag darauf hat die Volkszeitung dann geschrieben: Für Ferdinand K. war der Betrug offensichtlich. Das klingt sehr nach Heldentat, recht geschraubt, in Wirklichkeit ist das so gewesen: Der Ferdi ist hingesprungen und hat gesehen, daß der Latzi hängt. An einer Angelschnur ist er gehängt, und die haben ihn in die Höhe gezogen, er hat zu seinem Aufstieg so viel beigetragen, wie das die Exporttomaten auf der Gabelstaplergabel tun. Großes Erstaunen hat‘s dann gegeben, wie der Ferdi mit seinem Schweizermesser, das angeblich von selbst auch Fische putzen kann, weil es so intelligent ist, wie der Ferdi also den Latzi abgeschnitten hat. Und damit keiner enttäuscht ist, hat dann der Glasaugenkroate eine Idee gehabt. So eine biblische. Er hat gemeint, wir müßten doch schauen, ob dieser heilige Phänomen-Sarazen, ob er auch übers Wasser gehen kann, wenn er schon so Wunder vollbringt, wie den Rollstuhl-Latzi an einer Schnur an der Decke aufzuhängen. Wir haben dem Euterchen gesagt, sie soll auf unser Bier aufpassen, sind hinter die Bar spaziert und geleiteten den finsteren Gesandten Gottes unter lauten Hallelujarufen in den Teich, möge er sich doch dort beweisen, wenn er schon unbedingt will.
Solche und noch weitere Dinge haben wir erlebt.

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2003.