Die Nacht der leeren Stiefelchen
von András Cserna-Szabó

 

»Wir bitten Sie zu beachten,
daß alkoholische Getränke, in großer Höhe konsumiert,
intensiver auf den Organismus wirken als sonst.«
Malév Rt.

 

»Ach, wie gern würde ich in die Dutten von dieser Pamela Anderson beißen«, murmelte der alte Tódor vor sich hin. Sein Mund war voll, er saß in einem Flugzeug der Malév und löffelte kaltes Hirschgulasch aus einem Marmeladenglas, während er in einer amerikanischen Illustrierten blätterte. Die Stewardeß brachte dem Krecer Schlosser schon den sechsten Whiskey. Tódor trug einen riesigen Sombrero (den hatte er noch im Duty Free des Budapester Flughafens gekauft), sein Oberkörper war in ein buntes Hawaii-Hemd gehüllt, und er hatte in einem Fort Schnackerl1 (er erklärte sich das damit, daß er an der »Flugkrankheit« leide, saß er doch das erste Mal in einem Flugzeug). Aus dem Fenster war nur luftiger, aufgeschlagener Rahm zu sehen, und der Kapitän gab über Lautsprecher bekannt, daß sie sich gerade in elftausend Meter Höhe befänden. Der alte Tódor war gut im Kopfrechnen und stellte voller Erstauen fest: »Aber was! Das ist doch genau so hoch, wie es von Pusztakrece in die Stadt weit ist!« Diese Tatsache jagte ihm einen ordentlichen Schrecken ein, er schnallte sich an, nahm einen großen Schluck vom Balantines, und lenkte seinen Blick wieder auf die plastischen Rundungen im Magazin.

Pamela war richtig in Form: Ihr blondes Haar fiel wie ein Schwarm gelber Schlangen auf beiden Seiten ihres Gesichtes auf die Brüste, die groß waren wie Weinheber,2 ihr Blick war so heiß, daß man damit ein Spiegelei hätte braten können, und auf ihren Brauereipferdhüften glänzte das Blitzlicht wie eine Christbaumspitze.
Der Schlosser sah sich das Photo noch eine Weile an, dabei überfiel ihn der Drang, diesen Anblick mit jemandem zu teilen: Er stieß seinen jüngeren Sohn, der neben ihm saß, mit dem Ellbogen.
»Diese Katze würdest du auch auf dir schnurren lassen, oder?«
Kleintódor war aber nicht annähernd so begeistert wie sein Erzeuger, er winkte genervt ab: »Ach was, Vater. Werden Sie doch endlich erwachsen, das Mädel ist doch aus Schokolade und auch schon steinalt, die zieht den Bikini aus, und nix als ein Haufen Kakaobutter bleibt über. Trinken wir lieber noch was.«

Zwei Tage zuvor hatte Kleintódor im Alsóparti Wirtshaus das gleiche gesagt, doch nicht zu seinem Vater, sondern zu seinem ältern Bruder: Trinken wir noch was. Dann hatte er noch zwei Spritzer3 aus saurem Weißwein geholt, sie auf das Glas des Flippers gestellt und sich eine angeraucht. Sein Zippo hatte er noch er noch in der Hosentasche entzündet und es auf seinem rechten Knie wieder zuschnappen lassen. Das war ein Ritual, zu dem nur Benzinfeuerzeuge taugen.
»Das wird vielleicht wieder ein fade Nacht«, meinte Kleintódor traurig, nachdem er sein Zigarettenentzündungsritual beendet hatte, »irgendein schmalziger Amistreifen läuft im Kulturhaus und alle Weiber schauen ihn sich an.«
»Sparen wir unsere Kräfte für ereignisreichere Abende«, meinte Großtódor zustimmend.
»Nicht daß es mich wirklich interessieren würde, was die Weiber machen. Dorfgänse, die interessieren mich nicht«, sagte Kleintódor und nahm einen Schluck von seinem Spritzer.
»Mich interessieren sie genau so wenig«, entgegnete Großtódor und griff in seine linke Hosentasche, um nach Münzen für den Flipper zu suchen.
»Interessiert dich eigentlich überhaupt was?« fragte Kleintódor. Nicht, weil er neugierig gewesen wäre. Er wollte einfach nur reden.
»Die Sachen, die mich interessieren, kann ich an einer Hand abzählen«, meinte Großtódor gelangweilt, hob seine linke Hand und begann aufzuzählen, dabei streckte er die Finger nach und nach aus: »Die Höhe der Sozialhilfe, der ausländische Fußball, das Spritzertrinken, Metal-Musik und schnelle Autos.«4
Kleintódor grübelte eine Weile, und fragte dann, was denn nun mit dem großen Coup sei.
»Der große Coup, ja, ja«, meinte Großtódor zustimmend, »ja, der große Wurf.« Er verbesserte sich: »An zwei Händen kann ich abzählen...«
Gleichzeitig griff Großtódor in seine Hinterntasche und zog zwei Münzen heraus. Er warf sie in den Flipper. Der Automat begrüßte seinen Herausforderer sofort mit bunten, blinkenden Lichtern und fröhlicher Musik. Kleintódor wußte sehr genau, wie sehr es sein Bruder haßte, wenn man versuchte, sich während des Spieles mit ihm zu unterhalten. Großtódor war nämlich unfähig, sich auf die Kugeln zu konzentrieren, wenn ihm jemand die Ohren voll sang. Darum sagte Kleintódor kein Wort mehr, nahm die Gläser vom Flipperautomaten und betrachtete stumm die blinkenden Anzeigen, folgte den hin- und herzischenden Eisenkugeln, den ständig hüpfenden Schaufeln und beobachtete auch das Trumm von einem Terminator, das auf den Automaten gemalt war mit blauen, vibrierenden Augen, und nachdem auch die letzte Kugel hinuntergefallen war, kurz und bündig meinte: »Hasta la vista, baby!«

Die Brüder tranken ihre Spritzer aus, Kleintódor nickte zum Aufbruch. Sie schlüpften in ihre mit Nieten beschlagenen Lederjacken, strichen ihre fetten, schulterlangen Haare nach hinten, setzen ihre schwarzen Baseballkappen (mit Metallica- bzw. Anthrax-Enblem) auf, schmissen Geld auf die Schank, verabschiedeten sich und traten in die weiße Winternacht hinaus.
Der Wind markierte den starken Mann und blies ihnen den Schnee ins Gesicht, das Dorf war wie ausgestorben, einsam trotteten sie auf der betonierten Hauptstraße nach Hause.
»Du!« schrie Kleintódor, um den Schneesturm zu übertönen. »Der Winter ist heuer so hart wie eine Motörhead-Platte.«
»Dieser Winter?« fragte Großtódor. »Der ist so streng wie die erste Megadeth.«
»Du!« fragte dann Kleintódor. »Weißt du, was heute für ein Tag ist?«
»Mittwoch«, antwortete Großtódor.
»Nein, nicht so«, Kleintódor schüttelte den Kopf, »sondern der wievielte?«
»Weiß ich nicht«, sagte Großtódor.
»Na, der fünfte. Leckmichamarsch. Der fünfte Dezember. Heuuuuuute koooommt der Weihnachtsmann…«, summte Kleintódor grinsend.
»Der Nikolaus?«
»Ja! Der!« antwortete Kleintódor.
»Also müssen wir heute unsere Stiefel ins Fenster stellen?«
»Ja«, wiederholte Kleintódor.
»Na, von meinen fällt er sicher in Ohnmacht der Nikl«, Großtódor wieherte auf, beugte sich zu Boden, formte eine Schneeball und warf ihm seinem kleinen Bruder an die Brust.

Die Tódor Brüder waren plötzlich hervorragender Laune. Der Nikolaustag stand bevor, sie waren glückselig, als hätten sie vom Metallica Frontman James Hetfield ganz persönlich ein Autogramm bekommen. Sie lachten und lachten, bewarfen einander mit Schneebällen, rieben einander die Gesichter mit Schnee ein und rauften (wie zwei verrückte Welpen), wälzten sich im frischen, weißen, weichen Schnee. Das Dorf war ausgestorben, alle saßen zuhause, hinter dem Ofen. Keiner sah ihr Tollen im Schnee, keiner hörte ihr grunzendes Lachen, der Wind pfiff um die Ecken der Schuhschachtelhäuser und verschluckte jeden Laut. Den Tódor-Brüdern brummten die Ohren vom Heulen des Windes, und sie waren mehr als überrascht, als sie den Schnee von ihren Lederjacken klopften, aufschauten und nur einige Meter weiter sechs Rentiere auf der Straße stehen sahen.
Sie machten ein paar vorsichtige Schritte.
»Sechs Rentiere, ein Schlitten, der Nikolaus und ein Krampus«, resümierte Kleintódor. Großtódor konnte nur nicken: »Ja, du hast recht.«

»Servus Kinder«, meinte der Nikolaus. »Ich wollte euer selbstvergessenes Spiel nicht stören, ich merkte, wie versunken ihr darin gewesen seid. Darum wollt ich euch nicht stören. Doch seid jetzt so teuer und laßt uns unseres Weges ziehen, viele Millionen Kinder warten bereits sehnsüchtig auf ihre Geschenke.«
Die beiden Tódors sahen einander verwundert an, übermannt von den Ereignissen, hatten sie völlig aufs Grüßen vergessen.
»Welcher Arsch bist DU eigentlich?« fragte Kleintódor mißtrauisch den Nikolaus.
»Ei-Ei!, mein Junge, erkennst du mich denn nicht? Ich bin der Onkel Nikolaus. Ihr wißt schon, der heilige Onkel mit schlohweißem Bart, rotem Umhang und Bischofsmütze, der den braven Kindern Geschenke in die Stiefelchen steckt. Einst war ich Bischof in Myra, und einmal hab ich auf dem Konzil von Nicea dem… ins Gesicht geschlagen…«

Der Nikolaus hätte seine Lebensgeschichte sicher bis zum Schluß erzählt, doch der Krampus war plötzlich wie vom Teufel geritten und fiel dem alten grauen Mann ins Wort. Seine Stimme war überaus unangenehm, so wie das Miauen einer läufigen Katze.
»Und nach dem Onkel Nikolaus hätte man auch den Weihnachtsstern benennen müssen«, belehrte er die Tódors. »Der Weihnachtsstern, diese Topfpflanze mit kleinen Blüten, die aus Mexiko stammt, hat rote Oberblätter. Das ist eine große Ungerechtigkeit! Denn der Weihnachtsstern sieht wie der Nikolaus aus, in seinem roten Umhang, also müßte er Nikolausstern heißen! Und ich bin der Krampus, ich stecke Ruten in die Stiefelchen der schlimmen Kinder. Keiner mag mich, weil alle glauben, daß ich böse bin, aber das stimmt überhaupt nicht. Ich würde eher sagen: Ich bin ein gerechter Pädagoge, durch Strafe erziehe ich die bösen Kinder, damit sie dann, im nächsten Jahr sich anständiger benehmen, und der Onkel Nikolaus ihnen ohne Gewissenskonflikt auch was Schönes schenken kann.«
Der Nikolaus befahl mit stechendem Blick dem Krampus , endlich mit dem Geplapper aufzuhören.
»Zwick mich, Brüderchen, ich glaub ich träum‘«, sagte Großtódor. Das Brüderchen zwickte ihn, doch nichts passierte. Der Nikolaus stand immer noch vor ihnen.
»N-n-na g-g-g-gchut«, stotterte Großtódor, »haut ab«, und ging zwei Schritte zur Seite.
Der Nikolaus knallte mit der Peitsche, die Rentiere setzten sich in Bewegung und die Schellen des Schlittens schellten. Es war schon zehn vorbei.

»So leicht geht‘s nicht«, plärrte Kleintódor und sprang mit ausgebreiteten Armen vor den Schlitten.
»Spinnst du, was machst du denn?« rief Großtódor erschrocken und versuchte seinen kleinen Bruder von der Straße zu ziehen. Die Rentiere hielten an.
»Und der große Coup, Brada? Was ist mit dem großen Coup?« schrie Kleintódor.
»Mit was?« fragte Großtódor wütend.
»Na, mit dem großen Coup«, brüllte Kleintódor und zog aus der Innentasche der Lederjacke sein Springmesser hervor. Er ließ die Klinge herausschnappen.
»Schau her, Bruderherz«, Kleintódor deutete mit der Messerspitze in Richtung Schlitten, »so viele Butten mit so vielen Geschenken, wir könnten reich sein. Wir stecken uns das Zeug ein, dann gehn wir stiften in Richtung Amiland; Strand, Sonnenschein, Dollarberge, blonde Weiber, so wie in Baywatch, verstehst? In einem Cadillac-Cabrio herumkurven, und dann schaun wir hinüber nach Buenos Aires, wenn irgendein klasses Match ist, und auf jedem Metallica-Konzert können wir in der ersten Reihe headbängen. Das ist hier der große Coup, Bruderherz! Jetzt können wir ihn endlich machen, darauf haben wir ja nur gewartet, oder? Seitdem wir mit der Berufsschule fertig sind!«
Mit ängstlichen Staunen lauschten der Nikolaus und der Krampus dem Diskurs der Tódor-Brüder, der Wind blies nicht mehr stark.
»Sei doch kein so ein Rindvieh«, versuchte Groß- Kleintódor zu beruhigen, »was machen wir mit einer Butte, mit Säcken voller Matchboxautos, Puppen und Lutschern, gehn wir in den Vergnügungspark und machen dort eine Bude auf?«
Doch Kleintódor winkte nur abfällig. Der Worte waren genug gesprochen, er schnitt die Zügel der Rentiere ab und band sie an den nächsten Gartenzaun.

»Liebste Kinder«, seufzte der Nikolaus, »das ist nicht schön von euch! Ihr könnt mir doch die Rentiere nicht wegnehmen. Wir brauchen sie doch. Unbedingt. Wie sollen wir ohne sie unsere Geschenke verteilen? In der ganzen Welt. Und außerdem könnt ihr damit überhaupt nichts anfangen.«
»Ja wirklich, Bruderherz, für was die Rentiere? Mit denen können wir doch wirklich nichts anfangen! Lassen wir sie hier«, versuchte Großtódor seinen kleinen Bruder zu überzeugen.
»Der alte Tódor macht ein Gulasch draus«, erklärte Kleintódor, der inzwischen auf den Schlitten gesprungen war und damit begann, die Butten und Säcke abzuladen.
»Ei-ei, allerliebste Kinder«, meinte der Nikolaus mit weinerlicher Stimme, so etwas darf man nicht machen. Wollt ihr zu Verbrechern werden, wollt ihr im Jugendgefängnis enden?«
»Halt‘s Maul!« bellte Großtódor, »wir sind schon lange volljährig. Wir wohnen nur noch zuhause, weil‘s bequemer ist.«
»Ei-ei, allerliebste Kinder! Na, das geht jetzt zu weit«, meinte der Nikolaus mit lauter Stimme. »Ich werde bei allen internationalen Organisationen protestieren, bei der UNICEF, beim UNO-Sicherheitsrat, beim Roten Kreuz und auch bei Eurer Hochheiligkeit, dem Papst! Das ganze werdet ihr noch sehr bereuen!«

»Ja-ja«, kreischte der Krampus in einem Ton, der Katzen vertrieben hätte und fiel dem Nikolaus ins Wort: »Ihr Bauerntrottel, stinkenden Proleten, schwulen Säue, ihr verdammten Schwanzlutscher, der Nikolaus wird euch schon zeigen, wer hier der Chef ist! Erstickt in eurer eigenen Scheiße ihr Hurenböcke, gehirnamputierten Drecksäcke, ihr Arschficker, Kinderverführer, Arschkinder, syphilisverseuchten Inzestheinis! Puderanten. Der Papst wird euch zeigen, wo Gott wohnt, wird euch schon die Waden nach vorne richten! Der Nikolaus ist heilig und er hat ein rotes Telefon, eine direkte Leitung in den Vatikan; dort kennt er Leute, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen, ihr scheißefressenden Dorfproleten!«
»Aber Herr Krampus! Lassen sie sich nicht so gehen«, der Nikolaus richtete seinen durchdringenden Blick auf die rabenschwarze Gestalt. »Überlassen sie diese Angelegenheit ruhig mir, ich werde das ganze schon regeln! Hier braucht es gute Worte, diplomatisches Feingefühl, keine unflätigen Beschimpfungen, mein Herr!«

Kleintódor hatte dem ganzen keine Beachtung geschenkt, hatte weiterhin stumm die Säcke vom Schlitten in die Arme seines Bruders geschmissen. Er wollte so schnell wie möglich fertig werden, weil der Schneesturm schon fast abgeklungen war, sich die Sichtverhältnisse langsam wieder verbesserten, und Augenzeugen, na, die hätten ihnen noch gefehlt. Aber die »scheißefressenden Dorfproleten« waren Kleintódor zuviel gewesen. Sein Seelchen konnte diese grobe Beschimpfung nicht mehr verarbeiten! Er ließ den Sack fallen, zog wieder sein Springmesser hervor und drehte sich zum Nikolaus.
»Wer ist hier der scheißefressenden Dorfprolet, du Schweinsgesicht, du Papstarsch-Lecker, du alter Kinderficker?«

»Liebste Kinder, all die häßlichen Sachen hab doch nicht ich gesagt«, entschuldigte sich der Nikolaus. Er zitterte vor Angst. »Und der Onkel Krampus hat‘s auch nicht so gemeint, es ist nur sein Temperament mit ihm ein bißchen durchgegangen, er ist sonst kein böser Onkel. Aber in einer Beziehung hatte er wirklich recht: Nämlich, daß ihr mit eurer Aktion Probleme bekommen könntet, daß sie sich zu einem internationalen diplomatischen Skandal auswachsen kann, um nicht das schlimmste anzunehmen…«
»Nix internationaler Skandal«, damit war für Kleintódor die Diskussion beendet. Er rammte dem Nikolaus sein Messer in den Bauch.
Der Greis im roten Umhang faßte sich an den Bauch und konnte nur mehr »Ei-ei, Kinderchen« stöhnen, »das ist nicht schön von euch, zum Schluß werdet ihr nur Ruten in euren Stiefelchen finden«. Dann sank er zusammen, fiel vom Schlitten und streckten im seidigen Schnee alle Viere von sich.
»Mein Gott, für was war das jetzt wieder gut?« Großtódor war außer sich. Er drückte sein Ohr an die Brust des Nikolaus und erklärte dann wehmütig: »Verreckt.«
Der Krampus hüpfte vor Freude: »Du Arsch von einem Nikolaus, jetzt hast du‘s. Du hast endlich das gekriegt, was dir zusteht!«
»Du, halt‘s Maul«, fuhr ihn Kleintódor an und ließ die Klinge vor seinem Gesicht blitzen.
»Du, warum blutet der Krüppel nicht?« fragte Großtódor den Krampus argwöhnisch.
Die roten Hörnchen des Krampus vibrierten vom schallenden Gelächter, er hielt sich den rabenschwarzen Bauch, und hüpfte auf dem Schlitten hin und her.
»Ich scheiß mich an«, brüllte er, »diese zwei Trottel glauben wirklich noch an den Nikolaus!«

Und er lachte immer noch, als sich die Tódor-Brüder mit den Butten, Säcken und den Rentieren aus dem Staub machten, er lachte immer noch, als der alte Tódor in der Garage den Rentieren das Fell abzog, er lachte immer noch, als Tódor in einem Vierzigliterkessel im Garten Gulasch kochte, er lachte immer noch, als der Schneesturm zu Ende war, er lachte immer noch, als die Tódors die Beute einem chinesischen Händler in der Stadt verkauften, und er lachte immer noch, als Kleintódor, Großtódor und der alte Tódor in Ferihegy die Maschine nach New York bestiegen, er lachte selbst dann noch, als die erste Schwalbe ins Dorf zurückkam.

Und als sich die Pusztakrecer endlich daran gewöhnt hatten, daß mitten auf der Hauptstraße ein Krampus vor sich hinwieherte und der Nikolaus mit einem Loch im Bauch abfällig den Kopf schüttelte, begannen beide in der ersten Frühlingssonne zu schmelzen, und schließlich blieb nichts von ihnen übrig, nur zwei große braune Lacken auf dem Beton, in die die Kinder auch noch zu Sommerbeginn ihre Zeigefingerspitzen tauchten.

»Aus Schokolade?« der alte Tódor starrte ungläubig Pamelas Brüste an.
Die Maschine war schon mitten über dem Atlantik, das behauptete zumindest der Pilot über die Lautsprecher. Der Schlosser traute sich nicht, aus dem Fenster zu blicken. Er bestellte seinen siebten Whiskey (obwohl ihn die Stewardeß darauf aufmerksam gemacht hatte, daß alkoholische Getränke, in großer Höhe konsumiert, intensiver auf den Organismus wirkten als sonst, brachte sie doch noch ein Glas). Er hatte immer noch Schnackerl, seine Flugkrankheit würde immer schlimmer, dachte er sich, und dachte auch, daß er ein bißchen mehr Majoran ins Gulasch hätte geben können. Sein Söhne saßen neben ihm und zählten stumm die Hundertdollarscheine. Großtódor hatte Stöße zu je fünfzig Scheinen gemacht, Kleintódor band sie mit Gummiringen zusammen und schlichtete sie nebeneinander in eine Sporttasche.
»Wir erreichen in kürze New York«, verkündete der Kapitän, »dort erwarten uns heftige Regenschauer.«
»Und, wenn sie wirklich aus Schokolade sind, was ist dann? Nichts.« brummte der alte Tódor vor sich hin. Er konnte einfach nicht weiterblättern.

 


1) So sagt man in Pusztakrece zum »Schluckauf«. »Schnackerl« ist ein lautmalerisches Wort.

2) Die Weinheber wurden in Pusztakrece ursprünglich aus Flaschenkürbissen (lat. Cucubirta lagenaria) gemacht. Wenn der Flaschenkürbis die entsprechende Größe erreicht hat und sich gelb verfärbt, sein Hals hart und sein Strunk braun ist, dann ist er ausgereift. Es ist zu empfehlen, ihn bis zum ersten Frost an der Pflanze zu lassen. Danach muß er mit einigen Zentimetern Strunk geerntet und in 3%iger Chlorlösung desinfiziert werden. Der Flaschenkürbis trocknet am besten aus, wenn man ihn an einem warmen, zugigen Ort aufbewahrt. Die völlige Trocknung kann durchaus ein ganzes Jahr in Anspruch nehmen.

3) Gespritzter (Schorle). Es ist ein österreichisch-ungarischer Brauch von altersher, saueren Weißwein mit Sodawasser zu vermischen. Dieses Getränk gilt nicht als alkoholisches, sondern als Durstlöscher, der besonders in der Sommerhitze konsumiert wird. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich eine ungemeine Vielfalt an Spritzern entwickelt: Für den kleinen Durst gibt es den »kleinen Spritzer« (1 dl Wein+1 dl Wasser), weiters gibt es den »Sommerspritzer« (1 dl Wein+2 dl Wasser), den »großen Spritzer« (2 dl Wein+2 dl Wasser) und den »Hausmeister« (3 dl Wein+2 dl Wasser).

4) Der königlich ungarische Automobilklub veranstaltete im Mai 1914 unter dem Namen »Karpaten-Sternfahrt« eine großangelegte Wettfahrt. Die 40 Teilnehmer starteten in Budapest, fuhren nach Kaschau – Munkács – Máramarossziget – Sächsisch Regen – Kronstadt – Szászváros – Herkulesbad – Arad – Pusztakrece – Kecskemét und zurück nach Budapest. In Krece wurden die Rennteilnehmer, die ihre Automobile für einen Tag auf dem Marktplatz zur Schau stellten, von einer riesigen Menschenmenge empfangen.

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2004.