Das Laub des Zigarettenbaums
von András Cserna-Szabó

 

“…heuer wurden nur Buben geboren,
mir scheint, es wir Krieg geben.“
Leo Tolstoi

Zwei Wochen bevor uns Großvater verließ, wurde ich gezeugt. Beim Begräbnis wußte meine Mutter immer noch nichts von mir. Sie rauchte eine filterlose Zigarette nach der anderen. Trank den sauren Wein meines toten Großvaters. Tränen kullerten. Ein besticktes Tischtuch, ein Porzellanaschenbecher, Grammelpogatschen, Germstrudel1, eine Sodawasserflasche, ein Weinkrug, Gläser, Beileidstelegramme. Im Halbdunkel des niederen Raumes flimmerte der Fernseher. Ein mächtiger Schnauzbart verkündete das Programm bis Sendeschluß. Meine Großmutter machte sich hinter der Türe des Weichselholzschrankes zurecht. Bis zu ihrem Tod blieb ihr der Fernseher fremd. Sie zog sich niemals vor den Augen des Bildschirmes aus.

Das Haus bestand nur aus diesem einen Zimmer. Und einer Küche mit Sparherd. Neben dem Herd stand ein riesiger Papiersack. Darin sammelte mein Großvater seine Zigarettenstummel. Wenn der dritte Weltkrieg ausbricht, daß ich was zum Rauchen habe. Er rauchte die filterlosen Zigaretten nie ganz. Er dachte stets an die Zukunft. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, daß sich der Nikotingestank im kleinen, ebenerdigen Bauernhaus eingerichtet hätte. Der Nikotingestank hatte sich das kleine, ebenerdige Bauernhaus eingerichtet. In den Fenstern Geranien. Am Zaun lehnte das klapprige Waffenrad meines Großvaters. Mit diesem fuhr er immer hinunter zum Fluß, um die Reusen zu prüfen.

Meine Großmutter suchte im Schrank nach ihrem schwarzen Kleid. Seit dem Begräbnis ihrer Mutter hatte sie es nicht mehr getragen. Meine Mutter schenkte sich ständig Wein nach. Manchmal putzte sie die Zigarettenasche, die auf den Tisch gefallen war, in ihre Hand. Meine Großmutter weinte nicht. Das konnte sie schon lange nicht mehr.

Wir warteten auf die Verwandten. Mein Onkel kam mit dem Auto. Und all die anderen. Vater. Die Eltern meines Vaters. Die Cousinen meiner Mutter. Doch es war noch früh. Die Sonne brannte. Als ob sie wegen irgendwas böse wäre. Die Ernte war noch nie so gut gewesen, wie in jenem Jahr. Wiederholte Vater später. In jenem Jahr gab es Trauben von denen der Wein süß war. Fast süß war. Von der vielen Sonne. Meinte Vater mit zufriedenem Nicken. Von der Traurigkeit. Berichtigte Mutter.

Meine Großmutter begann vor Freude fast zu grinsen. Sie hatte im Kasten ihr schwarzes Kleid gefunden. Und es war kein Mottenloch an ihm zu sehen. Mutter wurde vom Hunger geplagt. Wie gut wär‘ jetzt ein bißchen Hühnergulasch. Mit vielen Nockerln. Doch sie traute sich nichts zu sagen. In dem Moment geziemte es sich noch nicht zu essen. Und wieder schenkte sie nach. Meine Großmutter blickte Mutter von hinter der Weichselholztüre an. In ihren Augen stand geschrieben: Ach! Mädchen, trink nicht so viel. Du fällst mir am Friedhof noch um. Und dann darf ich mich wegen deiner schämen!

Mich Schämen? Eine Schande? Stand in den Augen meiner Mutter. Was hat das für einen Sinn, von Schande zu sprechen? Ist dieser Tod nicht Schande genug. Daß das gerade mit unserem Vater passierte.

Das klapprige Fahrrad meines Großvaters hat der Kontra-Schwager bekommen. Den Fernseher bekamen meine Eltern. Die Leute aus Budapest haben mir schon lange genug zugeschaut. Meinte meine Großmutter. Noch zehn Jahre lang hörte sie Radio Freies Europa. Bis zu ihrem Tod. Nicht daß es sie interessiert hätte. Sie fand einfach das Kossuth-Radio nicht. Und jemand um Hilfe zu bitten, dafür hätte sie sich geschämt.

Den Sack mit den Zigarettenstummeln vergrub Vater hinten im Garten. Da wächst dann ein Zigarettenbaum. Schrieen die Nachbarskinder vergnügt. Vater glaubte nicht an einen dritten Weltkrieg. Großvater glaubte auch nicht an die ersten zwei. Einmal brach er in Richtung Deutschland auf. Achtunddreißig oder Neununddreißig. Als er den Turm der evangelischen Kirche nicht mehr sah, sprang er vom Zug. Er geriet in Panik. Er wußte nicht mehr, wo er war. Ich bin aus dem Raum gefallen (kiestem a térbõl). Zwei Kriege verbrachte er im Schilf. Ott élt a susnyásban. Er war zufrieden, ihm fehlte nichts. Nur der Tabak. Damals hat er beschlossen, die Stummel zu sammeln. Dein Mann ist ein guter Mensch. Meinte Großmutter. Er schickt deinem Vater den Tabak unter die Erde nach.

Unter der Erde gibt es keine Kriege. Meinte Mutter und winkte abfällig. Das kann man absolut nicht wissen. Murmelte Großmutter. Mein Onkel hatte einen Wartburg. Den hatte er sich durch irgendwelche Geschäftemachereien verdient. Dein Bruder ist ein Tschose.2 Hatte Großmutter zu Mutter gesagt. Schon sehr oft. Trotzdem war sie stolz auf ihren Sohn.

Dreh endlich den Fernseher ab, ich falle ja gleich in den Schrank. Krächzte Großmutter mit ihren Augen. Meine Mutter stellte das Glas ab. Sie schaltete den Fernseher aus. Großmutter wagte sich hinter der Kastentür hervor. Sie setze sich auf den Bettrand. Zog ihre schwarzen Strümpfe an. Die Hühner müssen gefüttert werden, und jäten sollten wir auch. Dachte sie. Mutti, ist das im Moment wirklich das größte Problem? Meckerte Mutter tief im Innern.

Über dem Bett hing ein Kreuz. Obwohl Großmutter gar nicht an Gott glaubte. Auch Großvater nicht. Das hatte sich so entwickelt. Sie verleugneten ihn nicht. Sie konnten einfach nicht an ihn glauben. Wie sie nicht an den Krieg glauben konnten. Und er geschah trotzdem. Wenn‘s Gott gibt, murrte Großmutter, dann wird ihn sicher am meisten stören, daß ICH nicht an ihn glaube. Auch deinem Vater war es wurscht, daß ich IHM nie glaubte. Als er nach drei Tagen, stinkend vom Schnaps, nach Hause kam. Dann log er immer, daß man ihn verhaftet gehabt hätte.

War Vater glücklich? Fragte Mutter stumm. Ja. Erwiderte Großmutter mit einem Blick. Einmal hat er gesagt, daß er erst sterben würde, nachdem er das Meer gesehen hätte. Neugierig ist er immer gewesen. Wie groß wohl die Fische dort sind. Dann hat dein Bruder sie ihm mitgebracht: in einer Sardinen-Konserve. Dann hat er gemeint, er könnte jetzt ruhig sterben. Dieser kleine ölige Scheiß interessiere ihn nicht. Auch nicht das Meer. Er war glücklich.

Großmutter polierte ihre Schuhe. Das hatte immer Großvater gemacht. Die Einäscherung wäre einfacher gewesen. Grübelte Mutter. Wirklich einfacher. Dachte Großmutter. Aber da hat dein Vater wieder einmal recht gehabt. Wer mag das schon, wenn man ihn verbrennt. So wie eine Hexe. Oder ein paar löchrige Stiefel. Was würde passieren, wenn man doch noch lebt?

Ja. Der Nachbar, der Hemzõ Batschi, der Bahnhofsvorstand, hat angeblich am Tag nach dem Begräbnis noch geklopft. Doch als sie endlich den Sarg geöffnet hatten, war er schon erstickt. Doch wenn nicht doch. Man kann nie wissen. Dann wurde es ruhig. Mein Onkel hätte endlich kommen sollen. Doch er kam noch nicht. Mutter trank nicht mehr. Großmutter hatte auch die Schuhe schon angezogen. Sie hatte nichts zu tun. Sie saß am Bettrand. Und dachte an nichts. Auch Mutter nicht. Nur eine Fliege summte. Sie wollte die Kompottgläser erobern, die auf dem Schrank wie die Orgelpfeifen standen. Doch es wollte ihr nicht gelingen. Oma. Sagte ich leise. Um die große Stille auszunutzen. Oma, sag schon! Sei ganz ehrlich! Zahlt es sich aus zu leben? Ist das Leben gut?

Großmutter richtete ihre Strümpfe. Und überlegte einen Moment. Dann flüstere sie mit ihren Augen. Ach, mein Kleiner, das Leben ist wie der Wein deines Großvaters. Sauer. Doch mit ein bißchen Sodawasser ganz akzeptabel.

Vor dem Haus bremste der Wartburg. Wir mußten gehen. Aus dem Auto sah ich, wie mir das Laub des Zigarettenbaumes zuwinkte.

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2003.


1) Eine charakteristische Pusztakrecer Speise. Zubereitung: Der Germ wird in der gezuckerten Milch erwärmt, danach mit Mehl, ein bißchen Salz und Butter vermischt, dann mit einem Tuch abgedeckt und eine halbe Stunde gehen gelassen. Danach wird der Teig ausgewalkt, die eine Hälfte mit gezuckertem Mohn, die andere mit gezuckerten, geriebenen Nüssen bestreut, anschließend zusammengerollt. Man schneidet fingerdicke Scheiben und legt sie auf ein befettetes Backblech. Diese Schnecken werde wiederum gehen gelassen, dann mit zerlassener Butter und Eidotter bestrichen. Auf mittlerer Hitze werden die Schnecken ca. 40 Minuten backen.

2) Ein früherer Inhaber der Széchenyi-Bierhalle, der polnischer Abstammung war, ein gewisser Rambowsky, begrüßte die Leute, die am Morgen schon vor seinem Wirtshaus warteten, mit den Worten: “Co že?”, was so viel bedeutet wie “Na, was ist?” Diese Floskel ging in der Form “der Tschose” in den Pusztakrecer Sprachgebrauch ein. Die Bedeutungsvarietäten des Wortes sind alle miteinander verwandt: Zechbruder, liederlicher Hund, Lump, Tachinierer, Tagedieb, Arbeitsscheuer, Landstreicher, Tunichtgut.