| Sauerkraut? Blutwurst! von András Cserna-Szabó |
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Es war Samstag nachmittag und Vendel lag in der Badewanne, sein Haar war naß und er rauchte eine Zigarette, während er in der neuesten Nummer des Ufo Magazins blätterte. Vom Wasserhahn baumelte ein Taschenradio, in irgendeiner populärwissenschaftlichen Sendung sprach man von den Sowjets und vom Genossen Kádár. Die Historikerin hatte ein Zwitschern in der Stimme, als sie ausführlich beschrieb, wie die Sowjets ein Glasrohr in Kádárs Glied gesteckt und dann mit dem Hammer draufgeschlagen hatten (man hörte die Begeisterung in ihrer Stimme, und konnte etwas wie Hochachtung erahnen, als sie vom Professionalismus des russischen Staatsschutzes sprach, der selbst die Inquisition in den Schatten stellte). Wir wissen heute, daß Kádár nach diesen Folterungen
keinen Anteil mehr hatte an diesem zugleich übermenschlichen und unmenschlichen, zugleich
göttlichen und tierischen, verrückten und verzückenden Rausch, den die abgeklärte
Menschheit schlichtweg als »Sexualleben« bezeichnet. Von dieser Geschichte fiel auch
Vendel Hemzõs Erektion zusammen, aus dem Potwal, der aufrecht den Fluten getrotzt hatte,
war eine bescheidene Kaulquappe geworden, die dumm auf den Boden der Wanne stierte. Vendel
(der am liebsten geröstete Leber aß) dankte Gott im stillen, daß ihn die Politik nie
interessiert hatte. Ihn interessierten nur die Weiber und die Ufos. Er dämpfte die Zigarette im schaumigen Badewasser aus und schnippte den Stummel (vom vorderen Glied seines rechten Daumens mit dem Nagel seines rechten Zeigefingers) in Richtung Klomuschel. Der Stummel flog in einem mathematisch perfekten Bogen durch die Rauch- und Dampfschwaden und landete mitten in der Muschel. »Ein drei Punkte-Wurf«, dachte sich Vendel nicht ohne Stolz (er war Fan der Chicago Bulls, hörte am liebsten P. Mobil, war allergisch auf die Haare von Pfirsichen) und vertiefte sich wieder in den Artikel »Chaos im Kosmos«. Der Autor erging sich in genauen Schilderungen, wie seit der Entstehung der Welt die Erdlinge und die Außerirdischen sexuell verkehrt hätten. Eva, unsere biblische Urmutter zum Beispiel, war (laut verschiedener Ufoexperten) von einem sogenannten Sauroid sexuell belästigt worden und dieses eidechsen- bzw. dinosaurierähnliche Wesen war von ihr für eine Schlange gehalten worden. Vendel hatte den Artikel halb durch, als er merkte, daß sein Gerät langsam wieder das Köpfchen hob. Vendel mochte diese friedlichen Samstagnachmittage sehr.
Carmen, seine Frau (die auf Paradeisersalat und Apfelkompott schwor), irrte dann stets in
der Wohnung herum, räumte zusammen, goß Blumen, bügelte, las Brigitte und Bunte oder
schaute Friends im Fernsehen. Es waren wohl die ruhigsten paar Stunden der Woche, weil
Carmen (sie war ein mediterraner Typ: schwarzhaarig, erregend und streitsüchtig) dann
niemals stritt, ihm nie Sauferei und durchzechte Nächte vorwarf; während dieser paar
Stunden war ihre Liebe ungetrübt. Vendel war schon beim Artikel »Mussolini und die Aliens«, als im Vorzimmer das Telefon läutete. Ein altes, schwarzes Telefon, das eher schnarrte als läutete. Er hörte, wie sich knarrend die Wohnzimmertür öffnete, wie Carmen mit ihren Klumpen stampfte, wie die Holzsohle im Takt auf die Fliesen trommelte. Das Läuten (das Schnarren) hatte ein Ende, doch Vendel verstand kein einziges Wort. Dreieinhalb Minuten später legte Carmen den Hörer auf und klopfte an die Badezimmertür. Vendel hegte keinen irgendwie gearteten Verdacht. (Vielleicht klopfte sie ein bißchen zu sanft an die Tür, so wie es mediterrane Weiber niemals machen. So eine Frau reißt die Türe entweder auf oder schlägt unter dem Stichwort Klopfen mit ihren Fäusten die Türe ein. Diese Sanftheit hätte ihm verdächtig vorkommen müssen.) »Komm herein!« rief Vendel (der seines Zeichens Maler und Anstreicher war, angeblich der beste in Pusztakrece), weil er dachte, irgend jemand hätte wegen eines Pfusches1 angerufen, und seine Ehefrau wolle ihm dies nun mitteilen. Carmen trat ein und der rauchgeschwängerte Dampf ergoß sich durch die Tür ins Vorzimmer. »Na?« frage Vendel, doch eine Antwort erhielt er nicht. Im Gesicht Carmens war keine Spur von Haß zu sehen, auch kein Anflug von Liebe. (Auch das hätte ihn stutzig machen müssen, mediterrane Frauen hassen oder lieben inbrünstig, dazwischen gibt’s nichts!) Ihr Gesicht strahlte Ruhe aus. (Das muß ich wohl nicht sagen: diese Weiber können keine zwei Minuten ruhig auf ihrem Arsch sitzen, und dann Gelassenheit im Gesicht…!) Stumm trat sie zur Wanne, legte beide Hände auf Vendels nasses Haar und drückte ihn unter Wasser. (Kraft! Ja, kräftig sind sie!) Vendel versuchte erst gar nicht, sich zu wehren. Chance hätte er ohnehin keine gehabt. Carmen siegte mit der Kraft der Überrumpelung. Eine kurze Weile stiegen noch Blasen aus dem Mund des Malers an die Wasseroberfläche, dann ließ der Widerstand nach und sein Körper lag nur mehr schlapp auf dem Grund der Wanne. Er hatte es überstanden. Er lag in der Wanne wie ein besoffener deutscher Nudist auf dem Grund des Mittelmeeres. Carmen (die in der LPG gearbeitet hatte, bis diese aufgelöst wurde, und dann ein Blumengeschäft um oberen Ufer, unweit des Bahnhofes, eröffnete) zog den Stöpsel aus der Wanne und bedeckte das Gesicht ihres Angetrauten mit dem aufgeweichten Ufo Magazin. Sie schminkte sich die Lippen, zischte ein bißchen Desodorant (tz fff- tz fff- tz ffffffff) unter ihre Achseln und verließ das Haus. In ihrem gelben Kleid sah sie wie ein Orangenbaum aus. Vendel war stets zuvorkommend gewesen, deswegen wartete er auch jetzt, bis seine Frau das Haus verlassen hatte, erst dann wälzte er sich aus der Wanne.2 Er wollte Carmen nicht enttäuschen. Wenn sie schon seinen Tod will, dann sollte sie ihn haben, ohne Kompromisse. So oft hatte er sie schon traurig gemacht, zumindest zum Schluß sollte sie ihre Freude haben. Er sah sich in den Spiegel. Er mußte feststellen, daß er ziemlich mies aussah. So wie eine Wasserleiche. Das Gesicht aufgeschwemmt, die Lippen violett, die Augen aus ihren Höhlen gequollen, seine Haut hatte etwas glänzendes, azurblaues wie verdorbenes Fleisch. Er trocknete sich ab, fönte sein langes Haar (mit seinem eigenen Haartrockner, die mediterranen Frauen, sind zu Mord und Totschlag fähig, wenn jemand ihren Fön benützt), zog sich an (ausgewaschene Jeansjacke, Schnürlsamthose, Jogging High). Am Küchentisch las er den Artikel über Mussolini und die Aliens zu Ende, was ihm wegen seines plötzlichen Ablebens nicht möglich gewesen war, und machte sich dann auf den Weg zum Café Blutwurst, wie der Volksmund abfällig das Bahnhofsrestaurant bezeichnete. (Das Blutwurst hatte seinen Namen durch eine Methode der Kellnerin bekommen, mit der sie feststellte, ob die Gäste noch imstande seien, weiter zu trinken. Konnte ein Gast auf die Frage »Sauerkraut?« der Kellnerin in normalem zeitlichen Rahmen und mit gut artikuliert »Blutwurst!« antworten, wurde er weiter bedient. War er dazu nicht mehr fähig, galt er als betrunken und bekam keinen Schluck mehr. Von Pusztakrece aus hat sich infolgedessen die umgangssprachliche Phrase »fett sein wie eine Blutwurst«, für den Zustand kurz vor der Entgiftungsstation des Krankenhauses, langsam im ganzen Land verbreitet.) Als Vendel (der ein notorischer Fingernägelkauer war und nach getaner Erleichterung nie die Klomuschel ausbürstete) auf die Straße trat, überraschten ihn die Massen. So viele hatte er noch nie gesehen. Voll war die Gasse, der Sickergraben, in den Bäumen saßen sie, in den Stauden, auf den Dächern und Mauern. Keine Menschen. Verschiedenste Wesen, die er aus dem Ufo Magazin schon sehr gut kannte, aber mit eigenen Augen noch nie gesehen hatte. Sie saßen auf den Fensterbrettern, hingen von den Verkehrstafeln, schwebten durch die Luft, vögelten auf den Telefonmasten und machten dabei ein eigenartiges Geräusch, das irgendwie an das Fiepen einer Maschine erinnerte. Dann fiel ihm ein, daß er, obwohl er schon seit seiner Kindheit versucht hatte, seinen Bekannten und Freunden die Existenz von Außerirdischen zu beweisen, selbst nie an sie geglaubt hatte. Jetzt sah er sie jedoch mit seinen eigenen Augen: die Alben, die Vampire, die Dämonen, die Humanoiden, die Sauroiden, die Natroiden, die Insektoiden. Das eine Wesen sah wie ein riesiges Insekt aus, das andere trug einen Pelz und hatte Hufe, es gab vogelähnliche und Reptilienkatzen. Vendel fühlte sich von seinem Garten direkt in die X-Akten versetzt. Auch sah er einige Lichtlifte und er wußte aus der Fachliteratur, daß die fremden Wesen mit diesen von einer Welt in die andere flitzen. Er ging durch die Tür der »Blutwurst«, von seinen Freunden war noch keiner da, doch waren drei Fremde im Bahnhofsrestaurant. Einer davon (ein Wolf mit einem Schneckenkopf) streichelte mit seinen Hörnchen die Brustwarzen von Butzi, der Kellnerin. Bützchen lächelte, sie sah den Fremden nicht. Sie verstand nicht ganz, was sie so erregte, und beschloß, mit dem ersten Mann ins Bett zu hüpfen, der ihr nach der Sperrstunde über den Weg liefe. Als sie Vendel erblickte, schoß es ihr durch den Kopf, daß es schön wäre, wenn er der Mann wäre, der ihr als erster begegnete. Der zweite Dämon hatte sich auf dem Gläserschrank ausgestreckt, er trank mit einem Strohhalm einen weißen Sommerspritzer, sein Körper glänzte, als wäre er mit Schweineschmalz eingeschmiert worden. Der dritte Fremde sah fast so aus wie eine nackte Erdenfrau, mit dem Unterschied, daß sich über ihrem Hinternloch ein kurzes Schwänzchen ringelte, wie bei einem Ferkel. Sie schaute fern, die Nachrichten auf Viva, in denen gerade berichtet wurde (von irgendeinem Wuschelkopf), daß Britney Spears’ Privatflugzeug abgestürzt und die junge, hübsche Dame dabei ums Leben gekommen sei. (Man zeigte das Wrack und auch eine fürchterliche Aufnahme: der abgerissene Kopf des Popstars lag einige Meter von ihrem blutigen Körper entfernt.) Vendel setzte sich an den für ihn reservierten Tisch
(fleckiges, rotkariertes Tischtuch), auf den Sessel, auf dem er jeden Samstagabend saß,
und grübelte, darüber nach, wie interessant es sei, daß er am gleichen Tag wie Britney
starb. Bützchen brachte das Bier. »Sauerkraut?« fragte sie mit geilem Blick. Damals hatte er noch geglaubt, daß der Alkohol diesen Zustand bei Bützchen auslöste, an einen Wolf mit Schneckenkopf hatte er nicht im Traum gedacht. Bützchen war ein germanischer Frauentyp, sie machte Liebe, um ihre Nerven zu beruhigen, schnell und voller Ernst, in monotonem Rhythmus, wie eine Stanzmaschine; Carmen liebte nur aus ganzem Herzen, langsam und voller Fröhlichkeit. Als Bützchen ihren Busen über den Tisch hängte, verlor
der schneckenköpfige Wolf den Halt und plumpste vom Band des Büstenhalters in Vendels
Bier. Der Anstreicher fischte den Dämon aus dem Schaum, setzte ihn auf den Bierdeckel,
betrachtete ihn eine Weile und stellte sich dann höflich vor. »Ein dickes Ding«, meinte der Oberst mit abfälliger
Handbewegung, »die Dinge leben, dann sterben sie, dann leben sie wieder und sterben von
neuem. Man darf das ganze nicht so tragisch nehmen. Und es geziemt sich überhaupt nicht,
das als eine Heldentat darzustellen!« Butzi (die ihr ganzes Leben davon geträumt hatte, einen
Jazz-Pianisten als Ehemann abzukriegen, um dann jeden Abend zu betörender Livemusik
einzuschlummern) gönnte sich gerade eine Pause, dabei stützte sie sich immer auf Schank,
auf die sie ihre Brüste legte, um für eine kleine Weile von der unheimlichen Last
befreit zu sein. Vendel wartete, bis Butzi den Aschenbecher ausgeleert
hatte und wieder verführerisch hinter die Schank zurückgeschlürft war. »Erzählen Sie mir nichts«, und der Schneckenwolf
winkte wieder abfällig, »ich bin Portugiese gewesen….« Vendel winkte Butzi zu. (Sie liebte Schomlauer Nockerl
und Cognackirschen über alles.) Die Kellnerin schritt wie eine pensionierte
Stripteasetänzerin zum Tisch. Dabei wackelte sie so mit ihrem koffergroßen Arsch, daß
selbst in den Augen der Männer, die für Bügelbretter schwärmten, die Glut der
Begeisterung funkelte. Irgendwie schmeckte Vendel (der der dritte Sohn eines Traktorfahrers und einer Angestellten in der Lohnberechnung war und sich gerade deswegen im Leben immer damit tröstete, daß zum Schluß immer der Jüngste gewinnt) das Bier nicht, obwohl es war wie immer: bitter, kalt und auch die Kohlensäure war gerade richtig. Trotzdem schmeckte es ihm nicht. »So ist also der Tod?« Vendel grübelte. »Daß einem nicht einmal das Bier mehr schmeckt?« Dann überlegte er, wie lang man diesen Zustand wohl aushalten könnte. Er, tot, trotzdem trinkt er Bier im Café Blutwurst. »Wahrscheinlich bis zum jüngsten Tag«, antwortete er auf seine eigene Frage. Keiner stirbt, ohne daß er es selber will. »Der Tod ist nicht das Ende«, dachte er sich, »kein Standgericht«. Aus dem Jammertal des Todes, sieht man sehr gut, wie unwichtig das Leben ist. Vendel fühlte sich jetzt leicht und unbeschwert. Das erste Mal spürte er, wie es ist, sein eigener Herr zu sein. Daß er wirklich entscheiden kann. Er nahm einen Schluck vom Bier, es schmeckte immer beschissener. »Na, dann soll jetzt Schluß sein«, entschied er. »Mein Leben war ein Reinfall, vielleicht wird mein Tod besser.« Er warf Geld auf den Tisch und ging. Von der Tür blickte er noch einmal zurück, betrachtete Butzi, der Oberst arbeitete mit seinen Hörnchen eifrig an ihren Brustwaren. Ihre Augen waren traurig, wie die eines geprügelten Hundes. Traurig, obwohl sie nicht wußte, daß Vendel aus dem Tod kam und in den Tod zurückging. Sie trauerte nur, weil‘s diesmal keine Vögelei im Lager gab. Ihre Nippel waren schon so spitz, wie ein Wetterhahn auf Regen, sie durchbohrten regelrecht ihre mohnblumenrote Bluse. Vendel hätte jetzt am liebsten
umgedreht. (Gerne hätte er Bützchens Bäckchen gestreichelt, ihr ins Ohr geflüstert:
»Auch mit deinem Leben ist es nicht weit her, versuch doch noch einmal.«) Doch er
wußte, daß er nicht zurückblicken dürfte. Dann hätte er sich‘s vielleicht noch
überlegt und sie wären sie wieder im Lager geendet. Außerdem hätte er es sicher nicht
genossen. Das Ficken ist ein Stückchen Tod, es macht nur im Leben Freude. Für einen, der
tot ist, was für Freude könnte es schon machen, für ein Sekunden ins Jenseits zu
springen? Er ging nach Hause. Vor dem Gemeindeamt stand die einzige Telefonzelle des Dorfes, vor ihr blieb er stehen. Auf der Tür klebte ein winziger Zettel. SIE WOLLEN EWIG LEBEN? RUFEN SIE UNS AN… Er wählte die Nummer der Polizei. Seinen eigenen Tod gab er zu Protokoll. Zuhause ließ er die Wanne ein, zog sich aus und versank im Badeschaum. Auf der Waschmaschine hatte er einen Papierfetzen gelassen, mit einem Filzstift hatte er draufgekritzelt, daß er allein für seinen Tod verantwortlich sei. Daß er sich umgebracht hätte, weil ihm das Bier nicht mehr schmeckte und er außerdem draufgekommen sei, daß die körperliche Liebe reine Illusion wäre, oder so was. Man steckte ihn in einen schwarzen Plastiksack und brachte ihn weg. Im Krankenhaus stellte man bei der Obduktion fest, daß, hätte er nicht Selbstmord begangen, seine Leber nicht mehr lange mitgespielt hätte. Carmen (deren Vater Damenfriseur war) ließ für ihn einen kleinen aber feinen Sarg anfertigen. Auf seinem Begräbnis sah Vendel, daß hinter der dunklen Sonnenbrille seiner Frau Tränen hervorflossen. (Die mediterranen Frauen sind Meister des Weinens, sie steigern sich in eine Extase des Plärrens, aber auch schauspielern können sie gut, deswegen kann man nie entscheiden, ob sie nun ehrlich sind oder sich nur in eine künstliche Hysterie hineingesteigert haben.) Diese Tränen taten Vendel gut, das ist doch eine nette Geste von einer enttäuschten Ehefrau, dachte er. Ziemlich barbarisch fand er, daß man seinen Sarg anschließend mit Erdklumpen bewarf. Reden nicht immer alle vom ewigen Frieden, der ewigen Ruhe? Einmal, ein einziges Mal, sollten sie sich diesen unheimlichen Lärm anhören. Und dann haben sie ihn auch noch neben der Bahntrasse vergraben, zweimal täglich brummte ihm der Schädel vom Rattern der Züge. Die ersten paar Jahre waren ganz lustig. Vendel (der von seinem Vater, dem Traktorfahrer, die Liebe zur Scholle geerbt hatte) sah zu, wie ihm die Würmer das Fleisch von den Knochen fraßen. Es war ein schönes Spiel. Die Würmer mußten vor jeder Mahlzeit laut fragen: »Sauerkraut?« Und Vendel antwortete kichernd: »Blutwurst!« Dann war der Sturm frei aufs kalte Buffet. Jeden Tag stellte er fest, daß, wenn die Menschen nur
wüßten, wie superruhig es hier unten ist (wenn man die Züge vergißt), keiner mehr dort
oben wäre. Sein Nachbar war (solang er noch gelebt hatte) Karosserieschlosser gewesen,
und denn ganzen lieben Tag lang wollte er nur über die Formel 1 reden. Hundertmal sagte
er jeden Tag, daß er nur noch einmal hinaus möchte, nach Mogyoród, auf den Hungaroring
und dem Senna beim Rasen zuschauen. Vendel wollte den Mann zu Beginn nicht enttäuschen,
deshalb verheimlichte er, daß sein Idol schon vor langen die Patschen aufgestellt hatte,
doch nach ein paar Jahren hatte er vom Schlosser so die Nase voll, daß er einen Streit
provozierte: Er behauptete Nigel Mensel sei viel schneller gewesen als Senna, nur hätte
die brasilianische Maffia bei jedem Rennen geschoben. Zu Weihnachten und zu Vendels Namenstag kam Carmen stets auf den Friedhof, manchmal heulte sie auch. Das machte Vendel sehr traurig. »Gewissensbißchen«, dachte er sich. Er hoffte, daß diese arme Frau in ihrem nächsten Leben nicht als Mensch zur Welt kommen würde, sondern, sagen wir, als Olive. Einige Zeit noch zählte er die Tage, dann gab er es auf. Alles war so in Ordnung, so rund, so perfekt, daß er keinen Grund sah, die Einzelteile dieses perfekten Ganzen zu zählen. Er glaubte nicht einmal mehr daran, daß der Oberst die Wahrheit gesagt hätte. Daß dieser Wahnsinn, den man Leben nennt, einmal von neuem beginnen würde. Er war mit der Schöpfung ausgesöhnt: Es gab harte Zeiten im Leben, doch vorher und nachher die grenzenlose Ruhe. Man könnte das ewige Glück ja gar nicht schätzen, gäbe es da nicht ein paar Jahrzehnte der Qual. Doch der Oberst hatte leider doch recht. (Alle, die
einmal beim Heer waren, wissen ganz genau, daß der Oberst immer recht hat.) Alles geschah
so, wie es seinerzeit LeMay vorhergesagt hatte. Inmitten eines Wolkenbruchs im Spätherbst
schlug ein Lichtlift eine blendende Schneise in die Finsternis der Nacht. Es dauerte nur
einen Augenblick, hätte jemand den Strahl gesehen, hätte er sicher geglaubt, ein Blitz
wäre zu Boden gezischt. Eine Sekunde später fühlte sich Vendel wieder in diesen
unangenehmen, körperlichen Zustand versetzt. Er befand sich an einem kühlen, feuchten Ort, von blanken Steinmauern umgeben, auf einem Tisch stand eine Kerze. Im spärlichen Kerzenlicht entdeckte er einen Spiegel. Vorsichtig trat er an ihn heran und blickte hinein. Er steckte in einem blauen Samtkleid, als wäre er einem Kostümschinken entsprungen, sah aus wie Lady De Winter persönlich. Doch er hatte keinen Kopf. Zumindest auf den ersten Blick. Dann bemerkte er, daß der Kopf doch da war, nur nicht dort, wo er hingehörte. Sein Hals war durchtrennt und blutig. Sein Kopf steckte unter seinem Arm. Und seine Gesichtszüge zeugten nicht unbedingt von Freude. »Was zum Teufel ist heut los«, rülpste
es mit elementarer Kraft tief aus seinem Inneren, und er hörte seine Stimme aus dem Mund
des Kopfs unter seinem Arm. »Ich bin Oberst LeMay. War ich
zumindest. Ich hab gehofft, daß wir uns noch einmal treffen. Doch meine Nachrichten sind
nicht so rosig. Ich bin noch relativ billig davongekommen, ich bin ein Spiegel aus
Murano-Glas. Doch sie. Sie sind ein Gespenst. Kein angenehmer Zustand, voller Rachsucht
und Kränkungen. Sie haben einen Körper, und doch nicht. Das ganze ist aber auf jeden
Fall besser, als ein Mensch zu sein.« Vendel bebte vor Zorn. Er sah wie die seidige Haut seines
Kopfes (mit feuerrotem Haar, braunen Augen, schmalen Lippen, Stubsnase, feinen, kleinen
Öhrchen), der unter seinem Arm klemmte, erröten. Er regte sich dermaßen auf, daß er in
seiner Wut den erröteten Ball nahm und wie ein Tormann auf ihn eintrat. Der Kopf stieg in
die Höhe, knallte gegen den Plafond und fiel schließlich auf den Steinboden. Er sank auf den kalten Steinboden und vergrub das Gesicht
in seinen Händen. Das wollte er zumindest tun, doch er konnte nicht. Draußen, im Park von Hampton Court, war die üppige Flora naß vom ewigen britischen Regen. Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2005. 1) So nennt man in Pusztakrece und Umgebung die steuerfreie Schwarzarbeit. 2)Im kleinen Park hinter der Széchenyi Bierhalle wurde im Jahre 1869 ein Dampf- und Wannenbad gebaut. Hinter dem Badehaus wurde Ende des 19. Jahrhunderts ein artesisches Freischwimmbecken angelegt, das sich im Kreise der Dorfbewohner großer Beliebtheit erfreute. Heute wird das Bad als Lagerhalle benützt (wahrscheinlich hat die plötzliche Verbreitung von Badewannen in den 50er- und 60er-Jahren zu einer abrupten Abnahme der Besucherzahlen geführt), und an der Stelle des Freischwimmbeckens wird Kukuruz angebaut. 3) So nennt man in Pusztakrece die mit faschiertem Fleisch und Reis gefüllten Krautblätter, die mit Saurem Rahm serviert werden. Der Lockenwickler wurde wegen seiner Ähnlichkeit im Aussehen nach dem “Krautwickler” benannt. |