Károly
oder die Geschichte der Literatur
von Attila Bartis

 

Es lebte einst in Marosvásárhely ein junger Mann, der Wanzenvertilgung und Mäusevernichtung betrieb. Von jenseits des Waldes kam er her, ein Bein um vier Zentimeter kürzer als das andere, und bis zum sechsten März neunzehnhundertdreiundsiebzig mochte ihn niemand. An jenem Tag hingegen, als er die Wanzenvertilgung beendet hatte, beschloß er, aus seiner Seitentasche nicht das Rechnungsheft zu ziehen, sondern das linierte. So stand er also mit seinem Sprühtornister in der Linken und einem zerknitterten Schulheft in seiner Rechten im Zimmer, wie ein verirrter Taucher, sah meinem Vater tief in die Augen und sagte:
»Herr Bartis, ich bin ein Dichter!«

In jener Nacht korrigierten sie erst einmal die Rechtschreibfehler. In der nächsten feilten sie bereits am Stil, und in der dritten nahm Piros Károly den Namen seines Geburtsortes an. Nebst seinen Gedichten und der Flasche mit dem Insektenvertilgungsmittel hatte er nun auch seinen Koffer bei sich und blieb nicht mit meinem Vater bis zum Morgengrauen auf, sondern schlief auf dem ausziehbaren Fauteuil im Vorzimmer. Um sieben Uhr früh erwachte er als Kakasdi Piros Károly, bis halb acht saß er im Badezimmer, um acht ging er Schädlinge vernichten.

Im März Dreiundsiebzig war noch davon die Rede, daß er für ein paar Tage unser Gast sei, bis er eine neue Untermiete gefunden habe. Denn der alten Frau, bei der er wohnte, nun, der alten Frau waren auf einen Schlag sieben von neun Katzen eingegangen, und seinen Chemikalien wurde das alles angehängt. Davon ganz zu schweigen, daß man die Greisin Frau Vasilescu oder so ähnlich nannte, was keiner weiteren Erklärung bedarf1 - er hingegen, mit einem Namen wie Kakasdi Piros, würde vergeblich nachzuweisen versuchen, daß es sich bei der Vergiftung höchstens um eine indirekte handeln konnte, über die Mäuse nämlich. Ja, er hatte, ganz abgesehen von der Wohnungsmiete, aus lauter Gefälligkeit die Mäuse vergiftet, worüber die Frau Vasilescu dann natürlich schwieg. Auch meinem Vater war klar, daß sich die Sache zu ethnischen Unruhen auswachsen würde.

Mein Vater sah jedenfalls, daß dieser Junge mindestens drei Monate seine Miete nicht mehr bezahlt hatte, und da stand er nun mit einer Flasche Wanzengift, einem Heft voll vierhebiger Verse und einem Koffer. Meine Mutter sah hingegen, daß das Hemd, dessen Ärmel aus dem Koffer hing, vor mindestens drei Monaten gewaschen gehört hätte.

Also, von ein paar Tagen war die Rede . Alles in allem wohnte er fünfeinhalb Jahre bei uns. Ein hinkender Mann lebte in unserem Vorzimmer, ganz eng neben dem Einbaukasten, und schrieb nachts Gedichte. Ich weiß nicht, wie oft wir ihn hinauswarfen, nur, daß wir ihn ebenso oft wieder zurückriefen.
Mit uns übersiedelte er von neben der Ziegelfabrik in die Altstadt.
Von uns weg wurde er einberufen, bei uns suchte ihn die Militärpolizei.

In unserem Stadel versteckte er sich, nachdem sich herausgestellt hatte, daß er zwar kein Blasinstrument spielen konnte, aber durchaus gut in einen Panzer hineinpaßte, uns brüllte der Milizionär an, daß zwei unterschiedlich lange Schienbeine noch kein zwingender Grund seien, der rumänischen Armee zu entkommen, und wir waren am meisten überrascht, als die Burschen nach hinten trotteten, bis ans Ende des Hofes, mit einem fachmännischen Fußtritt das eigentlich schwer gehende Stadeltor öffneten und aus unserer Holzlage Piros Károly hervorzerrten, wie der Zauberer den Hasen.

»Seit wann bist du denn da?« fragte mein Vater. »Seit einer Woche«, antwortete der Milizionär, denn Károly konnte schon gar nicht mehr sprechen vor Hunger. Und am Ende mußten wir uns auch darum noch kümmern, daß man ihm keine drei Jahre aufdividierte, und vor allem darum, daß er doch nicht Panzerfahrer wurde, sondern Schweinehirt. Also gab es keinen Grund, weshalb er nicht geradewegs zu uns kommen sollte, als er abrüstete. So kam er zu uns.

Wenn wir die Woche in der Holzlage auch dazuzählen, dann wohnte er schon genau fünfeinhalb Jahre bei uns, als uns eine wahrlich stattliche Dame besuchte, die Vereckey Mimi. Sie kam nicht aus Interesse, sondern um sich zu erinnern. »Wir haben uns lange nicht gesehen, nicht wahr?« meinte sie, was so auch stimmte, aber meine Mutter fand an dieser Tatsache nichts auszusetzen.
Mimi bot zum Zichorienkaffee reihum Westzigaretten aus ihrem goldenen Etui an, nahm eine Kopfschmerztablette aus einer anderen goldenen Dose ein und aus einem dritten goldenen Etui eine Visitkarte mit der neuen Adresse, lutschte den nicht aufgelösten Zucker vom Kaffeelöffel und nahm Károly mit. Der Dichter kam weder um seine Gedichte noch um seine Flasche Wanzengift jemals zurück.

Dann stattete uns zwei Monate später ein Herr in ungarischer Tracht einen Besuch ab. Er sei Ritter von Kakasdi Piros Vereckey Károly, sagte er, den das beste wüßten wir nämlich noch gar nicht. Er wolle nicht lange stören, er sei nur deshalb gekommen, weil er in Erinnerung habe, wir hätten schon ausländische Kontakte, aber pst, davon lieber leise, und nun brauche auch er einen solchen Kontakt. Ach was, nicht aus geschäftlichen Gründen. Es sei von nationalem Interesse. Der Spazierstock? Wozu er den Spazierstock brauche? Also, ob wir denn wirklich so vergeßlich sind? Der sei für ihn unbedingt zweckmäßig, wegen seines Beines.

Dann warf er einen Blick auf seine Taschenuhr, Patek, Philipp Patek, das seien die genauesten, nur einmal mußte der gute alte Onkel Vereckey die Zeiger nachstellen, als sie diese elende rumänische Zeit eingeführt haben. Mein Gott, wie leidet nicht seither der Ungar, nicht wahr, mein werter Freund? Deshalb überleg dir‘s gut, immerhin ist es von nationalem Interesse. »Und natürlich würdet ihr auch nicht schlecht dabei fahren«, fügte er hinzu, und noch bevor mein Vater ihn hinauswerfen hätte können, lutschte er schnell den nicht aufgelösten Zucker vom Kaffeelöffel und eilte davon.
»Wo ist diese Hurensflasche«, fragte meine Mutter, weil sie dem Herrn Vereckey das Wanzenmittel nachschütten wollte.

Selbstverständlich dachten wir, daß Károly Spitzel geworden sei, konnte doch damals niemand anderer ungarische Tracht tragen, nur die Spitzel. Ganz davon zu schweigen, daß die Spione noch andere Privilegien hatten, aber um die Tracht beneideten wir sie am meisten.
Natürlich täuschten wir uns. Károly war einfach zu vier Kilo und zwanzig Deka Gold gekommen, plus einem noch schwereren Verlobungsring, und hatte darüber den Verstand verloren. Wer hätte so etwas nicht schon gehört? Am Anfang war er nur ein bißchen verrückt, später sehr.

Fünfzehn Jahre später, als das Gold bereits so sehr zur Neige gegangen war, daß er uns in Budapest aufsuchte, mit einem Skizzenbuch in seiner einen Hand und mit einer Flasche Meeresschlamm in seiner anderen Hand, stand er mitten im Zimmer wie ein verirrter Taucher, sah meinem Vater tief in die Augen und sagte: »Mein lieber Feri, ich kann die Nation retten!«

Er verlangte für seinen Plan nicht mehr als hundert Millionen. Davon nicht das geringste für sich, wenn es ums Volk gehe, dann sei er nonprofit, aber in dieser verderbten Welt heutzutage, koste der Bau einer Höhle aus diesem Heilschlamm so viel. Ja natürlich, erst müsse man den Schlamm zu Ziegeln trocknen, er sei doch nicht blöd. Und es könnte nur diese Art von Meeresschlamm sein, denn der fange die negativen Schwingungen auf. Und in dieser Höhle könnten dann alle Ungarn friedlich bis ans Ende der Zeiten leben. Endlich alle gemeinsam: Juden, Zigeuner, aber vor allem – ohne Rumänen. Das ganze werde nicht groß, passe der gute Mensch doch auch in kleinen Raum. Und am Ende würden sich sämtliche Rumänen neidisch am Eingang drängen.

Er hätte noch weitere Ideen gehabt, doch augenblicklich stellte sich heraus, daß mein Vater die lumpigen hundert Millionen für das Volk nicht hatte. Und als Piros Károly dann ging, sahen wir ihn tatsächlich nie wieder. »Schlammungar«, sagte ich, als ich hinter ihm die Tür zumachte, denn ich war damals schon ziemlich groß, aber noch Zyniker.

Ein halbes Jahr später rief er dann einmal an, ich fragte, ob ich ihm meinen Vater geben solle. »Nein«, sagte er, er wolle lieber mit mir sprechen.
»Warum gerade mit mir?« fragte ich.
»Weil du sicher nicht so undankbar bist«, sagte er. »Du erinnerst dich, oder, wie ich euch geholfen habe, als eure Kammer voller Wanzen war?«
»Ich erinnere mich«, sagte ich, »als wäre es gestern gewesen.«
»Dabei warst du noch ein Kind«, sagte er.
»Das war ich«, log ich.
»Also hilfst du mir?« fragte er.
»Ich habe keine hundert Millionen«, sagte ich.
»Die brauche ich auch nicht mehr«, sagte er.
»Also, was soll ich dir helfen?«
»Sie haben mich entführt«, sagte er.
»Wer?« fragte ich.
»Die UFOs«, sagte er weinend.
»Und was wollten sie?« fragte ich lachend.
»Lach nicht«, sagte er, »du wirst schon noch draufkommen, wie das ist, wenn sie dich vom Mond mit einem strahlenbetriebenen Sarg holen kommen.«
»Aber jetzt bist du in Pest?«
»Jetzt bin ich hier«, antwortete er, »in einem Sanatorium. Gibt es meine Gedichte noch?«
»Irgendwo sicher«, log ich.
»Sie sind gut, oder?« fragte er.
»Natürlich sind sie gut«, log ich wieder und lachte nicht mehr.
»Soll ich dich besuchen?« fragte ich.
»Besuch mich nicht«, sagte er.
»Warum?« fragte ich wieder.
»Weil mein Bein abgeschnitten worden ist. Wirst du auch Schriftsteller?«
»Vielleicht, ich weiß noch nicht«, antwortete ich.
»Werde nicht Schriftsteller«, sagte er, »nicht Schriftsteller, auf keinen Fall!«
»Und wenn doch?« fragte ich.
»Dann hör nie auf damit, sonst wirst du verrückt. Versprich das dem Károly.«
»Gut, ich verspreche es, ich werde nicht aufhören. Aber dann werde ich nicht verrückt?« fragte ich weinend.
»Dann nicht«, sagte er lachend, einbeinig in einem Pester Sanatorium, wo er am nächsten Tag starb.
»Ein Zug hat es abgeschnitten?« fragte ich.
»Nein, ein Arzt«, sagte er.
»Warum?« fragte ich.

»Weil es infiziert war vom Heilschlamm. Eine Woche habe ich es drinnen gelassen, es ist auch vier Zentimeter gewachsen, ich wäre nicht mehr lahm gewesen, nur hat es sich derweil infiziert.«
»Was kann ich dir helfen?« fragte ich, aber Károly gingen die Münzen aus, die Schwester wollte einem Verrückten auch kein Geld mehr geben, und ich hörte nur noch soviel wie: »Bitte, schreib …«

Aus dem Ungarischen von Sabine Selzer, 2004.

 


1) Anm. d. Übersetzers: All jenen, die sich in Mittel- und Osteuropa nicht so gut auskennen, muß hier sehr wohl erklärt werden, warum hier nichts erklärt werden muß: In Rumänien ist man als Ungar oft immer noch ein Mensch zweiter Klasse und hat nur böses im Sinn.